Test 2017: E-Cargo-Bikes

4 Transporträder mit E-Unterstützung im Test

Transport-Räder feiern dank E-Unterstützung derzeit ein großes Comeback. Die Einsatzbereiche in der Stadt sind vielfältig: Wochen-Einkauf, Lieferservice, Kinder­taxi ... aber noch nicht alle Konzepte sind ausgereift.

Uli Friess am 31.05.2017
Test 2017: E-Cargo-Bikes
Ronny Kiaulehn

Test 2017: E-Cargo-Bikes

Transporträder erleben gerade einen regelrechten Boom; in Großstädten wie München gehören sie schon zum Straßenbild. Das hat Gründe: Die Leichttransporter sind umweltfreundlich, platzsparend und – im Vergleich mit Kleinwagen – supergünstig in Anschaffung und Betrieb. Für den Transport von nicht allzu sperrigen Lasten bis etwa 70 Kilogramm auf kurzen Strecken gibt es kaum ein sinnvolleres Verkehrsmittel. Auch als Kindertaxi werden Cargo-Pedelecs immer beliebter. Dass die Transport­räder ein wertvolles Mittel zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs sind und auch der Luftqualität gut tun, haben schon manche Kommunen erkannt: Da Pedelecs von der staatlichen Elektromobilitätsförderung ausgenommen sind, legen sie eigene Programme auf. München etwa bezuschusst den Kauf eines Lastenpedelecs für Gewerbetreibende ebenso wie für Privatleute mit 25 Prozent der Nettokosten und maximal 1.000 Euro. Auch Leasingkosten sind förderfähig. Zusätzlich kann ein Abwrackbonus für das ersetzte Fahrzeug in gleicher Höhe beantragt werden. Das macht die Anschaffung für viele Nutzer attraktiv.


Diese E-Cargo-Bikes haben wir getestet:

  • Cargobike Schweden Cargobike Electric
  • i:SY E Car:Go
  • Johnny Loco  E-Cargo Brighton
  • Riese & Müller Packster Nuvinci 60 (E-BIKE Testsieger)

Fotostrecke: Test 2017: E-Cargo-Bikes


Zweirad oder Dreirad

Wir haben uns vier Transport-Pedelecs genauer angesehen: zwei einspurige "Tieflader" (Riese & Müller Packster, Hartje i:SY eCargo) und zwei dreirädrige Lasten-E-Bikes mit zwei Laufrädern an der Vorderachse (Schweden Cargobike, Johnny Loco E-Cargo Brighton). Tendenziell sind einspurige Transporter etwas länger und schmaler als die Dreiräder. Die Unter­schiede sind gering, beim Abstellen aber eventuell entscheidend. So benötigt das Packster eine zirka 2,50 Meter lange Abstellfläche, das dreispurige Schweden Cargobike nur 2,30 Meter. Das Schweden Cargo ist dafür 85 Zentimeter breit, das Packster nur 71 Zenti­meter. Das Johnny Loco hat in etwa die gleichen Gesamt­abmessungen wie das Schweden Cargobike, das kompakte i:SY ist nochmal deutlich schmaler als das Packster. 

Weil die Ladeflächen der Dreispur-Bikes vorne nicht vom Laufrad begrenzt werden, sind ihre Transportboxen im Verhältnis zur Gesamtlänge deutlich länger – bei unseren Testrädern etwa um 20 Zentimeter. Beim Eigengewicht liegen alle um die 50 Kilo, das Schweden Cargo ist ­jedoch mit 68 Kilo ein echtes Schwer­gewicht. Das liegt aber mehr am Material als an der Bauform. Bei einem ­zulässigen Gesamtgewicht von 200 Kilo bleiben bei diesem Rad – einen 80 Kilo schweren Fahrer vorausgesetzt – noch 52 Kilo Zuladung ­übrig. Das Packster verträgt unter der gleichen Voraussetzung 72 Kilo Zuladung, das i:SY gut 70 Kilo; beim Johnny Loco begrenzt der Hersteller das Lade­gewicht auf 50 Kilo.

Test 2017: E-Cargo-Bikes

Konstruktionsfehler: Der Bolzen des Lenkungsanschlags am Johnny Loco ist zu lang geraten. Wird das ­hintere Drittel der Ladefläche mit mehr als 25 Kilo belastet, senkt sich die Blechwanne auf den Bolzen. Die Folge sind ­unschöne Kratzer am Boden der Wanne, Kratzgeräusche und erschwertes Lenken.

Sprinter oder Sattelschlepper

Die beiden Konzepte ­unterscheiden sich aber nicht nur in der Form, sondern auch im Fahrverhalten. Um einen praxis­nahen Eindruck zu bekommen, haben wir die Räder für unsere Testfahrten mit 40 Kilo beladen. Wie zu erwarten, lassen sich einspurige Transporter deutlich spritziger fahren als Dreispur-Lastenräder. Das liegt hauptsächlich am Einlenkverhalten und an der Kurvenstabilität. Bei Dreispurern muss die breite Vorderachse mitsamt der Ladebox und Zuladung in die Kurve gedrückt werden – es ist also viel Masse zu bewegen. Zudem lässt sich das Rad nicht per Gewichtsverlagerung in die Kurve legen – gelenkt wird nur über die Lenkstange. Dabei kann in eng gefahrenen Kurven das kurveninnere Rad ­abheben. Das ist zwar beherrschbar, aber gewöhnungsbedürftig.

Einspurige Transporter lassen sich, von der Länge mal ­abgesehen, steuern wie normale Räder. Wegen des tiefen Schwerpunkts spürt man das hohe Gewicht schon ab niedrigen Geschwindigkeiten nicht mehr, selbst flotte Kurvenfahrten gelingen nach kurzer Eingewöhnung intuitiv. Weil das Vorderrad weit vorne liegt, lenkt man das Pedelec bei den ersten Fahrversuchen etwas zu früh ein – es ist etwa wie beim Umstieg von einem Smart For Two auf einen VW-Bus. Wiederum eher radspezifisch: Weil der Lenker nicht ­direkt mit dem Steuerrohr verbunden ist, reagiert das Vorder­rad manchmal etwas ungenau auf den Lenkimpuls. Bei Tiefladern wird die Distanz zwischen Lenker und Steuerrohr mit einem Lenkgestänge überbrückt, dadurch entsteht im Lenksystem etwas Spiel. Am Anfang neigt man deshalb zum Übersteuern, weil man intuitiv versucht, dies am Lenker zu korrigieren. Die beste Methode gegen frühes Einlenken und damit Übersteuern ist, den Blick nicht aufs Vorderrad zu richten, sondern weiter nach vorne zu schauen. Nach wenigen Kilometern kommt man dann sehr gut mit den langen Gefährten zurecht.

Ausstattung und Sicherheit

Alle Hersteller haben sinnvolles Zubehör im Programm: Abdeckplanen, Kindersitzbretter mit Anschnallgurten oder sogar Verdecke – damit die Fahrt in den Kinder­garten auch an Regentagen nicht ins Wasser fällt. Dieses ­Zubehör kostet aber meist extra. Die Ladefläche des Riese & Müller Packster ist auf Euro-Stapelboxen abgestimmt; entscheidet man sich für die Langversion des Rads, passen ­sogar zwei davon auf die Ladefläche.

Wegen des hohen Eigen- und Gesamt­gewichts der beladenen Räder sind zuverlässige Bremsen ein absolutes Muss. Scheibenbremsen sind am besten geeignet. Meistens sind sie ohnehin serienmäßig verbaut, beim Schweden Cargo­bike gegen Aufpreis zu haben. Damit einspurige Pedelecs beim Beladen sicher stehen, brauchen sie stabile und breite Ständer, die nah am Schwerpunkt montiert und hochgeklappt sicher fixiert sind. Die Ständer von Packster und i:SY bieten keinen Anlass zur Kritik, sie lassen sich leicht mit dem Fuß bedienen und klappern während der Fahrt nicht an den Transportboxen. Dreispur-Pedelecs kommen ohne Ständer aus, können aber schon an leicht ­abschüssigen Stellen von selbst ins Rollen kommen. Die Bremsen des Johnny Loco haben eine Feststellfunktion, die verhindert, dass sich das Rad selbständig macht.

Beinkraft aus der Steckdose

Kommen wir zu dem, was Lastenräder heute überhaupt so attraktiv macht: der E-Antrieb, dank dem die schwere ­Fuhre viel leichter zu bewegen ist. Damit das klappt, sollte man beim Kauf auf einen kräftigen Antrieb achten. Das i:SY ist mit dem potenten GoSwissDrive-Nabenmotor sehr gut gerüstet, ebenso das Packster mit dem drehmoment­starken Bosch Performance CX. Der Shimano Steps des Johnny Loco arbeitet nicht ganz so kraftvoll, passt aber gut zum ohnehin eher relaxten Charakter des Transporters. Der Nabenmotor des Schweden Cargobike ist mit dem schweren Rad zwar nicht überfordert, bleibt aber deutlich hinter der Leistung der drei Konkurrenten zurück. Weil Transporträder meist nur in einer Rahmengröße angeboten werden, sollten sie sich an unterschiedliche Fahrergrößen anpassen lassen. Pack­s­ter und i:SY haben dafür höhen­verstellbare Vorbauten. Bei den Dreispurmodellen ist so etwas kon­struktiv nicht möglich, die Verstellung der ­Sattelhöhe muss ausreichen. Ganz gleich, ob man sich für ein Einspur- oder Dreispur-Pedelec entscheidet: Auch bei Transporträdern klärt nur die Probefahrt, welches Rad für einen selbst das passende ist. Und: Probieren Sie die Räder unbedingt beladen aus. Nur so lässt sich wirklich realistisch beurteilen, ob Sie auch im Alltag gut damit zurechtkommen. 

 


Der komplette Artikel stand in E-BIKE Ausgabe 2/2017. Sie können die Ausgabe in der MYBIKE-App (iTunes  und Google Play) laden oder im DK-Shop  bestellen.


Seite 1 / 6


Uli Friess am 31.05.2017