Die Strom-Schnellen

Jörg Spaniol

 · 17.12.2021

Die Strom-SchnellenFoto: Jörg Spaniol

Als Markus Riese und Heiko Müller die gesamte Modellpalette auf Pedelecs umstellten, hatten sie hoch gepokert. Doch ihre Entscheidung erwies sich als richtig.

War es ein besonders kalter Winter, waren die Vorlesungen langweilig, oder standen bloß die Planeten günstig? Ganz klar ist das nicht, und es ist auch schon lange her. Vor fast 30 Jahren, im Winter 1992/93, legten die beiden angehenden Ingenieure Markus Riese und Heiko Müller das flauschige Fundament ihrer Marke, die heute schneller wächst als aufpuffendes Popcorn: Vorhang auf für Riese & Müller, die Erfinder der „Hot Ears“! Ein paar Quadratzentimeter Fleecestoff, ein Stück Klettband und die clevere Idee, daraus riemenfeste Ohrwärmer für helmtragende Ganzjahresradler zu machen, waren der erste Streich der beiden.

  "Wir sehen uns nicht als Fahrradmarke, sondern als Mobilitätsanbieter. Das E-Bike ist die Lösung für Strecken, für die man kein Auto braucht."  Markus Riese und Heiko Müller
"Wir sehen uns nicht als Fahrradmarke, sondern als Mobilitätsanbieter. Das E-Bike ist die Lösung für Strecken, für die man kein Auto braucht." Markus Riese und Heiko Müller

Man kann die Teile heute noch als Lizenzprodukt kaufen, doch mit solchem Kleinvieh geben sich die Gründer selbst nicht mehr ab: Im Waldgürtel südöstlich von Darmstadt stehen ihre Namen metergroß an einer neuen, kantigen Fabrik, aus der im vergangenen Jahr etwa 70.000 Pedelecs in alle Welt gingen. In der Fertigung und dem gegenüber errichteten Lager tummeln sich über 500 Menschen in schwarzer Arbeitskleidung. Etwa 37 Millionen Euro soll die Fabrik gekostet haben, und noch immer gehört Riese & Müller den beiden Gründern. So kann’s gehen, wenn man kalte Ohren hat und dann eine solide Freundschaft, ein sicherer Instinkt und gute Ideen hinzukommen. Spätestens die zweite gute Idee hatte nämlich die richtigen Zutaten für eine Start-up-Geschichte: Garage, Genius und Selbstvertrauen. Statt mit ein paar Metern Fleecestoff werkelten Markus Riese und Heiko Müller jetzt mit Stahlprofilen. Sie sägten, feilten und schweißten, bis die Grundmechanik eines vollgefederten Faltrades fertig war, das die beiden Hobby- Rennradler auch fahrdynamisch überzeugte. Sie hübschten es auf, ließen mit zusammengekratztem Startkapital einen Container entsprechender Alu-Rahmen in Taiwan schweißen und nannten es „Birdy“. Es machte Riese & Müller zur Fahrradmarke. Heute ist es das letzte nicht motorisierte Radmodell, das noch ihren Namen trägt. Denn nach fast 20 Jahren als renommierter Hersteller von Alltags-und Reiserädern stellten die beiden Chefs ihr Programm komplett auf Elektropower um.

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Bosch sei Dank

„Das war damals eine mutige Entscheidung. Viele Händler haben den Kopf geschüttelt, als wir ihnen das erklärt haben“, erinnert sich Heiko Müller. „Aber die meisten von denen, die sich dem Pedelec komplett verweigert haben, gibt es heute nicht mehr.“ Im Jahr 2012, dem Jahr der strategischen Neuausrichtung, wurden deutschlandweit 380.000 Elektroräder verkauft. Ein Marktanteil von nur zehn Prozent. Eine Nische, wenn auch eine wachsende. Und ein Risiko für eine eigentlich gut etablierte Firma mit damals 30 bis 35 Angestellten. Markus Riese, der heute die technische Entwicklung der Firma leitet, kann jedoch genau festmachen, was ihn letztlich ans Pedelec glauben ließ. „Wir haben auch vorher schon mit E-Antrieben gearbeitet“, sagt er, „aber die hatten Qualitätsprobleme. Wenn etwas nicht funktioniert hat, war keiner zuständig oder wirklich an einer Verbesserung interessiert. 2011 trat dann Bosch in den Markt. Wenn wir da ein Problem entdeckt haben, kamen drei Tage später vier Ingenieure vorbei und haben sich das angeschaut. Dass so eine große Firma das Thema so ernst nimmt, hat uns sicher mit überzeugt, aufs Pedelec zu setzen.“ Noch heute montiert Riese & Müller ausschließlich Bosch-Antriebe.

Vielleicht 100 Meter vom Besprechungsraum entfernt, kauern zwei Monteure neben der Motoraufnahme eines voll gefederten „Delite“-Rahmens. Ein Gewirr aus Kabelenden hängt heraus und will gebändigt sein. Etliche Steckplätze hat so ein Motor, denn nicht nur der Akku, sondern auch Beleuchtung, Leistungssensor und Display müssen dauerhaft perfekt mit dem Antrieb verkabelt werden. Auch Bremsund Schaltleitungen laufen hier durch. Kein gequetschtes Kabel, kein Wackelkontakt darf den Kunden nerven. Ein Job, der sichtbar Konzentration erfordert. Sie reden kaum, keuchen in unbequemer Haltung und greifen routiniert nach Steckern, Akkuschraubern, Kleinteilen. Als der Motor drin ist, löst ein Zug an einem Seilende den Weitertransport aus. Ungefähr 100 Mal am Tag ruckelt ein frisch motorisiertes Rad einen Montageplatz weiter. Die Arbeit in der Fertigung ist ein moderner Industriejob ohne Lärm und Qualm. Jeweils etwa 35 Mitarbeiter sind in der hohen, künstlich beleuchteten Werkshalle zu Einheiten gruppiert, die ein bestimmtes Radmodell aufbauen. Durch die Luft schweben die Laufräder samt Rahmen heran. Strichcodes garantieren, dass die Konfiguration zu den entsprechenden Antriebskomponenten, Gepäckträgern, Schutzblechen passt.

Von der familiären Atmosphäre in einem Radladen mit angeschmuddelten Kaffeetassen und einer schnell gerauchten Zigarette ist das ungefähr so weit entfernt wie die technische Komplexität eines Fleece-Ohrwärmers von der eines Lastenpedelecs. Trotzdem ist Riese & Müller eine Marke mit einer Mission, die über den Verkauf möglichst vieler Räder hinausweist. Selbst gestecktes Ziel ist es, das „nachhaltigste Unternehmen der E-Bike-Branche“ zu werden. Im neu erbauten Werk hinterlässt der Plan deutliche Spuren. Das beginnt fast plakativ im „Corner Café“ für die Angestellten, auf einer Art Balkon über der Werkshalle. Es ist modern gestylt und wird politisch korrekt beliefert: vegetarisch, bio, regional, inklusiv und mehrwegverpackt ist das Angebot, selbst der Kaffeeröster produziert im Umland. Im Werk stehen etliche Zapfstellen für gefiltertes Trinkwasser. Zehntausende Einwegflaschen jährlich sollen so gespart werden. Weniger offensichtlich ist die Solaranlage auf dem Dach. Sie produziert mehr Strom, als die Firma verbraucht. Weitere Details sind Rücknahmeverpackungen für einige der angelieferten Komponenten: Speichen und andere Kleinteile werden nicht in Einwegverpackungen geliefert, sondern in stabilen Kunststoffboxen, die der Zulieferer neu befüllt. Und selbst Motorenhersteller Bosch, ein Großkonzern, ließ sich zu ressourcenschonenden Verpackungen bewegen – kleine Schritte, die aber angesichts der Stückzahlen tonnenweise Co2 und Plastikmüll vermeiden. Und das Produkt selbst, das Fahrrad? Auch das ist natürlich Teil der Strategie. „Eigentlich sehen wir uns nicht als Fahrradmarke, sondern als Mobilitätsanbieter“, sagt Heiko Müller. „Das E-Bike ist für uns die Mobilitätslösung für Strecken, für die man kein Auto braucht. Im urbanen Bereich, aber auch für Auto-Pendlerdistanzen. In Ländern ohne Autoindustrie ist man bei der Förderung des Radverkehrs teilweise schon deutlich weiter als in Deutschland!“ Ein Stichwort, auf das wiederum Markus Riese anspringt: „Und da sehe ich dringend Bedarf, das S-Pedelec mit entsprechenden Regelungen auch auf Radwege zu lassen. Mit so einem Rad kann ich auf Distanzen mit dem Auto konkurrieren, die für ein normales Rad oder Pedelec schon sehr lang wären!“ Mit der Finanzierung einer halben Mitarbeiterstelle am Radverkehrs- Lehrstuhl einer Hochschule, Engagement im Normenausschusss und Verbandsarbeit verbreiten Riese, Müller und die dritte Gesch.ftsführerin Sandra Wolf die Botschaft vom Problemlöser Fahrrad. Vor dem Haus parken dutzendweise E-Lastenräder von Mitarbeiterinnen an Ladekabeln. Riese selbst, gewandet in stinknormale Jeans, praktische Laufschuhe und einen schwarzen Fleecepulli, kommt fast täglich mit seinem S-Cargobike zur Arbeit – es ist seine Herzensangelegenheit. „Das Thema hebt jetzt richtig ab“, freut er sich. „Früher war ich am Kindergarten der Einzige damit, heute gibt es schon fast ein Parkplatzproblem. Wenn ich einen Motor habe und das Ding fahrdynamisch gut ist, spricht doch alles dafür, gleich ein Rad mit Zulademöglichkeit zu fahren! Die meisten Leute wollen mit einem Lastenrad nicht mehr auffallen oder ein Statement setzen. Es gibt eine bestimmte Häufigkeit an Lastenrädern, ab der das einfach eine normale Option ist. Mittlerweile ist es mancherorts so weit. Es macht Spaß, das zu sehen.“

Der Campus wächst weiter

Fünf Cargo-Modelle haben die Darmstädter derzeit im Programm, und in der Werkshalle fliegen die Funken: Eine neue Montagestraße für Lastenräder wird eingerichtet. Das vergangene Jahr hat 35 Prozent Umsatzplus gebracht, die Website verzeichnet reihenweise Stellenangebote, und bis nächsten Sommer entsteht ein weiteres Gebäude mit 10.000 Quadratmeter Nutzfläche. Der im Internet so benannte „Riese&Müller-Campus“ im Industriegebiet Mühltal wächst und gedeiht. Doch bis auf eine sehr markante Brille auf Heiko Müllers Nase und ein paar alterstypische Veränderungen an Haut und Haar sehen die beiden Inhaber noch immer so aus wie die beiden Freunde, die vor knapp 30 Jahren kalte Ohren hatten. Aber ist es nicht ein seltsames Gefühl, einer der beiden großen Namen an einem riesigen Gebäude und auf Hunderttausenden Fahrrädern zu sein? „Eigentlich nicht mehr“, so Heiko Müller, „das hat sich als Marke verselbstständigt. Die ersten Hot Ears und das erste Birdy unterwegs zu sehen, das waren wirklich Erlebnisse! Ich bin auch irgendwie stolz, wenn ich eines unserer Lastenräder sehe, weil ich dann denke, dass ich einen positiven Beitrag zur Welt geleistet habe.“ Ein kurzes Grinsen, dann ein kleines Geständnis: „Ich habe mich tatsächlich einmal dabei ertappt, dass ich einen entgegenkommenden Load-Fahrer fast euphorisch gegrü.t habe. So, wie man das früher als Fahrer einer ‚Ente‘ gemacht hat – als Markenkollege sozusagen. Der war einigermaßen irritiert, weil er mich natürlich nicht kannte.“

FAKTEN

  • Geschäftsführer: Markus Riese, Heiko Müller, Dr. Sandra Wolf
  • Gründungsjahr: 1993
  • Geschäftsjahr: 2019/20
  • Stückzahl: 70.000 Räder
  • Umsatz: 195 Mio. Euro
  • Mitarbeiter: über 550