Test Damenräder

Damen-Wahl

  • Jochen Donner

„Damenrahmen“ trifft’s heutzutage nicht mehr so recht. Viele Radler stört „die Stange“ – sie bevorzugen einen Fahrradrahmen mit tieferem Durchstieg. Doch wie steht’s bei den Damenrädern um die Fahrstabilität, besonders mit Gepäck auf Tour?

Die TREKKINGBIKE-Tester hatten sich lange mit der theoretischen Erkenntnis begnügt, dass der Diamantrahmen, der klassische „Herren“-Rahmen, das Maß der Dinge sei. Deshalb tauchten in den meisten unserer Testfelder Damenrahmen nur auf, wenn von Seiten der Hersteller gerade kein Herrenmodell verfügbar war. Oder, wenn uns eine besonders konkurrenzfähige Konstruktion mit tiefem Durchstieg aufgefallen war. Doch: Immer wieder erreichten uns Wünsche nach einem Test tourentauglicher Damen-Velos. Deshalb haben wir einen TREKKINGBIKE-Test mit grundsätzlicherem Ansatz geplant. Notwendig ist eine tiefergehende Untersuchung des Themas auch deshalb, weil die teils riesigen Unterschiede in Sachen Fahrstabilität bei Damenrahmen auf viele Kriterien zurückgehen.

Die Damen-Rahmen-Räder im Test

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Zunächst ist dafür die Konstruktion eines Fahrradrahmens relevant: Die maximal stabile Abstützung innerhalb eines Rahmens liefern die zwei Dreiecke, aus denen sich der Dia­mantrahmen zusammensetzt. Verändert man nun die Abstützpotenziale, indem man das Oberrohr am Sitzrohr tiefer fixiert, wachsen die Hebellängen derjenigen Kräfte, die eine Fahrerin durch ihr Gewicht und die unrunde Bewegung des Pedalierens ins System einleitet. Kurz gesagt: Ein Rahmen verwindet sich umso stärker, je tiefer das Oberrohr abgesenkt wird.
Dabei spielt auch das Rahmenmaterial eine Rolle: Mit Aluminium lassen sich theoretisch bessere Ergebnisse erzielen. Denn eine bessere Abstützung der Rahmenrohre erreicht man durch Vergrößerung der Kontaktflächen. Treffen also zwei Rohre aufeinander, ist deren Verbindung umso steifer, je größer der jeweilige Durchmesser der Rohre ist – sie können durch die größere Stützbreite größere Kräfte ableiten. Aluminium lässt sich einfacher zu großvolumigen Rohren formen als Stahl und ist zudem materiell grundsätzlich steifer und leichter. Damit lassen sich also biegesteifere und leichtere Rohre fertigen als aus Stahl. Der verlangt größere Wandstärken für vergleichbare Steifigkeiten und wird dadurch schnell zu schwer.
Auch bei Federgabeln macht es einen Unterschied, ob deren Schaftrohr, das sich im Steuerrohr des Rahmens dreht, aus Stahl oder Aluminium gefertigt ist. Stahl flext deutlich mehr als Alu, ein Stahl-Gabelschaft trägt deshalb oft zu einem unruhigen Vorderrahmen bei. Erst recht, wenn ein langes Steuerrohr und viele Spacer den Lenker weit oben positionieren. Das Schaftrohr-Material lässt sich mit einem Magneten von der Unterseite der Gabelbrücke her leicht überpüfen. Stahlschäfte findet man vorwiegend an günstigeren Gabelmodellen. Ansehen tut man es der Gabel aber nicht, da beispielsweise die mittelklassigen NCX-Gabeln von Suntour stets mit beiden Optionen angeboten werden. An unseren Mittelklasse-Testrädern waren alle Suntour-Federgabeln mit Stahlschäften ausgestattet. Lange Schaftrohr-Maße durch hohe Lenker wirken sich jedoch generell negativ auf die Stabilität aus, weil dadurch die Hebelverhältnisse wachsen: Störkräfte sitzen hier buchstäblich am längeren Hebel.
Großen Einfluss hat selbstverständlich auch die Rahmengeometrie: Hier kommt es darauf an, wie das Gewicht der Fahrerin (und ihres Gepäcks) innerhalb der Rahmenkonstruktion verteilt ist. Rückt der Schwerpunkt zu weit zur Hinterachse, kommt vorne Instabilität auf: Das System gerät bei unwuchtigen Bewegungen (Pedalieren, Wiegetritt, schnelle Lenkbewegung, einhändige Fahrt durch Abbiegezeichen) schnell ins Wanken.

Weiters ist wichtig, wie hoch der Hersteller den Lenker gesetzt hat. Hier gilt: Je höher, desto verwindungsanfälliger. Unabhängig von der verwendeten Gabel oder deren Material, bekommt das Vorderrad dabei zu wenig Gewichtsanteil ab und verliert leichter den Bodenkontakt. Die Lenkung wird zu leichtgängig und damit nervös. Zudem lässt sich beginnendes Aufschaukeln weniger gut dämpfen, je weniger Druck die Radlerin auf eine schwankende Front ausüben kann. Die Folge: Lenkerflattern. Im Extremfall kann so etwas bei schneller Fahrt zum Sturz führen. So weit muss es zwar nicht kommen, doch der Fahrspaß leidet allemal. Ein schwammiges Rad fährt sich unschön. Fehlende Lenkpräzision schafft Unsicherheit und verschärft vorhandene Instabilität zusätzlich. Auch wer nicht plant, mit viel Gepäck zu fahren, kann in Extremsituationen Schwierigkeiten durch mangelhafte Seitensteifigkeit bekommen: Ein plötzliches Ausweichmanöver oder eine Notbremsung kommen auch in alltäglichen Fahrsituationen mal vor.
Wer ein gut und stabil fahrendes Velo sucht, sollte also nach wie vor überlegen, ob nicht ein besser auskonstruierter Diamantrahmen in Frage kommt. Der bietet rund 20 Prozent höhere Torsionssteifigkeit und wäre deshalb immer die bessere Wahl. Soll es definitiv ein tiefer Durch­stieg sein, heißt es: Möglichst viele Modelle Probe fahren, vergleichen und dabei beladene Gepäcktaschen ans Rad hängen. Denn schon ab etwa zwei mal fünf Kilo Gepäcklast spüren Sie im direkten Vergleich klar und deutlich, wie ein Fahrrad in Sachen Seitensteifigkeit und Fahrsicherheit gestrickt ist. Die fahrstabileren Modelle im Test waren stets diejenigen, die ein niedrigeres Cockpit und einen angemessenen Gewichtsanteil auf dem Vorderrad bieten können. Ein genereller Unterschied von Stahl oder Aluminium als Rahmenmaterial ließ sich dagegen nicht ermitteln. Großvolumige Alurohre ergeben jedoch eine stabilere Konstruktion als dünne Alurohre. Ein kompakter, kleinerer Rahmen ist aufgrund kürzerer Hebelverhältnisse stabiler als der nächstgrößere. Bei Modellen mit eng gestuften Rahmengrößen lohnt sich also auch der Griff zum nächstkleineren, noch passenden Rad. Ihre Wahl, Madame!

Den Artikel aus Ausgabe 4/2014 in voller Länge erhalten Sie als gratis PDF-Download.

Schlagwörter: Damenräder Damenrahmen Fahrradtest

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