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Fatbike Velotraum Pilger

Froschkönig

  • Jörg Spaniol

Das froschgrüne Velotraum Pilger rollt souverän über alles, das im Weg liegt. Ganz nebenbei ist das trendige Fatbike mit seinen Monsterschlappen ein Hälse verdrehender Hingucker. Für wen taugt das Konzept?

Glaubt man euphorisierten Mitmenschen, dann ermöglicht ein Fatbike auch Pazifisten so etwas wie eine Panzerfahrt: Man fährt angeblich kreuz und quer durchs Gelände und überrollt Hindernisse, ohne allzuviel davon zu spüren. Zwölf Zentimeter Reifenbreite haben demnach Folgen, die das Fahrerlebnis viel stärker beeinflussen als der Ausstattungs-Kleinkram, um den sich Trekkingbiker üblicherweise Gedanken machen. Fatbike-Freunde berichten von einer Art Erweckungserlebnis, einer anderen Dimension des Radelns. Und nennen ihr Rad dann ganz spirituell: Pilger.
Nun sind Fatbikes keineswegs eine Idee von Velotraum-Macher Stefan Stiener und seinem Team. Die Räder mit den Monster-Reifen sind vielmehr eine Nische, die sich explosionsartig mit Produkten füllt. Vor wenigen Jahren gab es dort nur Anbieter wie Surly aus Nordamerika, die mit geringer Stückzahl und den entsprechend hohen Kosten für Spezialteile operierten. Auf der vorletzten Eurobike-Messe gehörte ein spektakulärer Prototyp schon zur Stand-Dekoration etlicher Hersteller. Doch für 2015 sind Fatbikes endgültig in der Praxis gelandet: Ein halbes Dutzend Reifenhersteller ist auf den Trend aufgesprungen, Rockshox liefert eine Federgabel und die ersten vollgefederten Fatbikes sind schon unterwegs. Dass der Pilger sich hier nicht diskret hinten einreihen will, sieht man auf den ersten Blick: Eine Farbkombination wie beim Landmaschinenhersteller John Deere, dazu ein robuster Gepäckträger und eine hochklassige Dynamobeleuchtung machen das grüne Monster sichtbar zum Vertreter einer eigenen Glaubensrichtung. Man könnte sie, wie der Velotraum-Chef, "Nutzspielzeug" nennen.
Luftdruck-Kontrolle. 0,6 bar zeigt das digitale Messgerät an – der Druckmesser der Standpumpe kennt solche niedrigen Drücke gar nicht. Zwischen 0,5 und 0,8 bar empfehlen die meisten Hersteller abhängig von Untergrund, Zuladung und Fahrstil. Der Pilger hat mit 4,8 Zoll die breitesten Reifen des Marktes, sollte also mit noch weniger auskommen. Auf dem Weg ins Gelände schnurrt das 18 Kilo schwere Gerät mit diesem konkurrenzlos geringen Reifendruck erstaunlich leicht voran, wenn die zusammen über acht Kilo schweren Laufräder erstmal auf Drehzahl sind. Was dann folgt, sind Wurzelpassagen, Kiesbänke, Sandkuhlen, Lehmgruben. Und die Einsicht, dass selbst 0,6 bar noch zu viel sein können: Bei rasch genommen Hindernissen schwingt die Fuhre nach wie ein Traktorsitz. Mit nur 0,4 bar scheint dann die untere Grenze des Sinnvollen erreicht. Auf Asphalt knicken die Reifenflanken in engen Kurven leicht ein. Doch jetzt schmatzt der Pilger souverän über die losen Untergründe, an denen jedes Trekkingrad scheitert. Natürlich kostet eine Kiesbank Kraft – doch sie bleibt locker fahrbar! Und mehr Grip war nie. Bergauf scheinen nur Schwerpunktlage und Beinkraft die Steigfähigkeit zu begrenzen, bergab machen Treppenstufen weniger Ärger als sonst Kopfsteinpflaster.

Das Velotraum Pilger im Detail

4 Bilder

Doch nach einer Stunde des Übermuts mahnen die Beine, den Mountainbike-Modus zu verlassen. Tempowechsel und kurze Rampen kosten einfach zu viel Kraft, und an großen Hindernissen kommen Hüpfball-Gefühle auf. Ein Pilger ist eben kein Rowdy, er bevorzugt die kontemplative Gangart – der Produktname ist kein Zufall. Und so schweift der Geist ab, beim Pilgern zwischen Pilz und Pfütze, zwischen Kies und Kastanien. Er sucht Ziele, die das Potenzial solcher Bikes ausnutzen. Jenseits der Erforschung heimischer Wälder liegt ihre Stärke klar beim Befahren von, äh, "Problemböden". Die Schotterebenen Islands, die Sandpisten Australiens, der Schnee in Alaska…
Ein normales Trekkingrad ersetzt der Pilger genauso wenig wie ein vollgefedertes Mountainbike. Doch er erweitert den Raum des Denk- und Fahrbaren. Ewig schade, dass er sich im beengten Fahrradkeller so breitmacht – und sich durch die vielen Spezialteile so satt aus dem Portemonnaie bedient.

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Themen: FatbikeTestVelotraum Pilger

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