Test: Randonneure

Straßenfeger: Moderne Randonneure im Test

  • Jochen Donner

Randonneure sind spezialisiert auf Langstrecke, mit ein wenig Gepäck, bereiten die schnellen Straßenräder vor allem ambitionierten Fernradlern Freude. Mit neuen Einflüssen kommt Bewegung in das klassische Konzept.

Randonneure sind eigentlich Radwander-Räder. Der französische Ursprung des Begriffs bedeutet Wanderer; als Fahrräder noch vorwiegend entweder schwere Stahlrösser oder bestenfalls Wettbewerbsfahrzeuge für frühe Rennveranstaltungen waren, bildeten die Randonneure vor gut 150 Jahren die erste Form des Reiserads mit Gepäckträger, Schutzblechen gegen schlechtes Wetter, Lichtanlage für Fahrten bei Dunkelheit und gebogenem Rennlenker für vielfältige, abwechslungsreiche Handhaltung unterwegs.

Bis heute haftet diesen Rädern aufgrund ihrer Eleganz, Vielseitigkeit und Langstreckentauglichkeit etwas Besonderes an. Doch die Zeiten ändern sich, die Technik schreitet gerade beim Fahrrad permanent voran. An unserem Testfeld von 10 Randonneurs-Velos lässt sich gut betrachten, zu welch ungewöhnlichen Methoden Fahrradhersteller greifen, wenn die Möglichkeiten wachsen.

Tradition Stahlrahmen

Beispiel Rahmenmaterial: Vier der Testräder treten mit traditionellen Stahlrahmen an. Kluge Wahl, denn Robustheit und Unempfindlichkeit spielen an einem Reise- oder Langstreckenrad eine ebenso große Rolle wie die Flexibilität des Materials, das, klug verwendet, Fahrkomfort generieren kann. Auch die einfachere Reparaturfreundlichkeit unterwegs mag ein Argument sein.

Und dann ist da noch der Traditions-Aspekt: Stahl erinnert an die Zeiten, in denen dieses Material im Fahrradbau konkurrenzlos war. Rahmenbauer Norwid fügt hochwertige CroMo-Rohre in Muffen und verlötet per Hand. So kann er sein Skagerrak auf Maß bauen, und das Ergebnis gibt ihm recht: Man sitzt zentral und mittig im Rad, das Handling ist harmonisch und einfach perfekt. Auch Surly verwendet Stahl, die filigrane Gabel mit langer Vorbiegung federt sogar sichtbar. Poison und Tout Terrain lassen ihre CroMo-Rahmen schweißen; das bringt geringeren Aufwand und effizientere Fertigung mit sich. Hier sind die Rohrdurchmesser größer, um höhere Steifigkeiten und damit Fahrsicherheit bei hoher Lebensdauer zu erzielen. Bulls und Velotraum setzen auf Aluminium, wobei hier breitere Reifen den Komfortbedarf übernehmen: Die schlauchlosen 57-Millimeter-Reifen am Velotraum machen aus dem Randonneur ein neues Fahrzeug: Nicht nur Rollkomfort, Dämpfung und Agilität lassen sich so steigern. Auch der Einsatzbereich wird dadurch radikal vergrößert, denn die niedrig profilierten MTB-Reifen laufen nicht nur auf Asphalt, sondern auch auf Natur- und Schotterstraßen sicher und geschmeidig.

10 Randonneure im Test

10 Bilder

Selbst eher exotische und teure Materialien wie Titan und Carbon finden ihre Liebhaber: Der auf Maßfertigung spezialisierte Anbieter Hilite aus der Schweiz verarbeitet seit Jahren Titan in Maßrahmen. Nun arbeitet Hilite mit Serien-Titanrahmen, die den Einstandspreis stark senken. Auch hier greift der Trend zu breiteren Reifen zur Ausweitung des Spielfelds. Spikes im Winter oder Profilreifen für Forststraßen-Touren passen in Rahmen und Carbongabel, jeweils mit Steckachsen versteift und quietsch-resistent platzierter Disc. Versender Rose geht den radikalsten Weg: Am Xeon Cross bestehen Rahmen, Gabel und Sattelstütze aus hochentwickeltem Carbon, was das Gewicht drückt undgleichzeitig Steifigkeit und Dämpfung auf ein hohes Level hebt.

Ein zweiter, signifikanter Trend sind die breiteren Pneus – was direkt mit der Anpassung von Durchlaufhöhen an Rahmen und Gabel, Tretlagerhöhe, erhältlichen Schutzblechbreiten und – natürlich – neuen Reifenmodellen zu tun hat. Neue Gummi-Compounds und Fertigungstechniken lassen Fahrradreifen immer leichter werden. Besonders überrascht hat uns, wie nah zum Beispiel das Velotraum mit wuchtigen 27,5 Zoll MTB-Pneus in Sachen Radbeschleunigung, Rotationskräfte und Lenkagilität an eher klassische Konzepte wie die von Tout Terrain oder Norwid mit 28-zölligen, etwas breiteren Rennreifen (32 Millimeter), herankommt.

Neues bei Sitzposition und Ergonomie

Fällt die traditionelle Sitzposition auf einem Randonneur meist lang und gestreckt aus, bei etwas längerem Steuerrohr und höherem Cockpit als an einem Rennrad, finden wir inzwischen eine große Zahl an Abwandlungen dieses sportlich und aerodynamisch günstigen Prinzips. Von der explizit entspannt gesetzten Lenkerhöhe des Velotraums, die auf Sattelniveau liegt, bis zur strikt rennmäßigen Position auf dem Rose Xeon, wo satte 10 Zentimeter Unterschied zwischen Sitz- und Griffniveau herrschen, findet wohl jeder sportliche Radler ein für sich passendes Randonneurskonzept. Die teils problematische Thematik unpassender Sitz- und Griffweiten durch unharmonisch abgestimmte Lenker-, Vorbau- und Schaltgriff-Längen haben wir im Kasten rechts gesondert zusammengefasst.

Fazit:

Dank moderner Einflüsse wie Gravelbikes ist in den Bereichen Reifendimensionen und Laufradgrößen, Discbrake, Steckachsen und modernes Rahmenmaterial die Vielfalt in der Kategorie Randonneure immens gewachsen. Wer das vielfältige Griff-Angebot und die günstigere Aerodynamik eines Randonneur-Lenkers auf Radreise oder Wochenend-Tour schätzt, muss seine langen Stunden im Sattel heute nicht nur auf Asphalt verbringen. Die Spielfelder sind mehr und vielseitiger geworden. Auch für längere Alltagswege ins Büro oder die ausgedehnte Sonntags-Runde durchs Feld, Wald und Flur findet sich heute, quer durch alle Preisspannen zwischen 1700 bis 5000 Euro (und darüber) ein hochwertiges, ausgereiftes Randonneursvelo.


Der komplette Artikel stand in Trekkingbike-Ausgabe 6/2017.

Schlagwörter: Randonneure Test


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