Die große Freiheit Die große Freiheit Die große Freiheit

Test Reiseräder

Die große Freiheit

  • Jochen Donner

Ein Reiserad bringt dich überallhin. Und auch preislich rangieren die Spitzen-Bikes heute in ganz eigenen Regionen. MYBIKE nimmt acht aktuelle High-End-Reiseräder unter die Lupe.

Der Berg scheidet die Spreu vom Weizen: Bis eben rollten wir noch, locker und flott, auf weitgehend ebenen Anfahrtswegen durch die Landschaft. Brutal erzwingt die erste richtig steile Rampe schließlich den Wechsel in den Wiegetritt. Kein Gang mehr übrig, der Schaltgriff ist am Anschlag. Nun heißt es: aus dem Sattel und mit ganzem Gewicht aufs Pedal! Im zähen Rhythmus der Kurbelumdrehungen links, rechts, links, rechts zerrt das Gepäck am Heck zur Seite, die Reifen holpern über lose Steine, den ruppigen Almweg bergauf. Am Lenker ist jetzt geschickter Körpereinsatz beim Gegenzug gefragt, damit wir bergauf keine Kraft vergeuden.

Diese Räder haben wir getestet

8 Bilder
  • FALKENJAGD HOPLIT PI
  • IDWORX ALL ROHLER TI
  • KOGA WORLD TRAVELLER-S
  • NORWID GOTLAND
  • PATRIA RANDONNEUR ZONA
  • POISON TAXIN
  • TOUT TERRAIN BLUERIDGE XPLORE
  • VELOTRAUM SPEEDSTER SP2

Fähig und kompetent

Ein Reiserad muss das abkönnen. Egal ob Titan, Alu oder Stahl, Reiserad- Rahmen werden durch dicke Wandstärken und große Rohrdurchmesser biegesteif und stabil. Das macht sie zwar schwerer als möglich, aber langlebiger und widerständiger gegen Dellen als leichte Tourenräder. Alle acht Testräder generieren die nötige Seitensteifigkeit aus Rahmen und Gabeln, die die Fahrt selbst bei schnellen Lastwechseln mit Gepäck nicht unsicher machen. Konstruktive Stabilität ist eines der wichtigsten Kriterien am Reiserad. Eine effiziente Schaltung mit großem Gesamtumfang und gut gestuften Gangsprüngen ist genauso unverzichtbar. Von unseren acht Testkandidaten schalten zwei mit Pinions Zwölfgang-Getriebe, drei setzen auf die 14 Gänge der Rohloff-Nabe. Bei zwei von drei Randonneuren mit Rennlenker sorgt eine 2x11-Kettenschaltung für Vortrieb. Nur Poison kombiniert Rennbremshebel, Einfach Kettenblatt und MTB-ähnliche Elfgang- Kassette. Spätestens mit Gepäck fehlen hier bei langen Steigungen oder ständigem Auf und Ab in hügeliger Gegend genau die Zwischengänge, die mit passender Drehzahl Tretkraft sparen. Als Option lässt sich auch bei Poison eine Doppelblatt-Kurbel wählen, doch im Testfeld erzielen Patria und Velotraum von vornherein eine größere Übersetzungsbandbreite bei geringem Gewicht, was spürbar die Fahrdynamik steigert.

„Reisen mit dem Fahrrad schafft nachhaltige Erlebnisse, die oft ganze Biografien prägen. Ein speziell geeignetes Rad mit zuverlässiger, langlebiger Technik macht das genussvoll und ausfallsicher möglich. Die Investition in ein hochwertiges Reiserad ist also sinnvoll, solange auch die Dividende stimmt.“
Jochen Donner Test-Redakteur

Genau betrachtet

5 Bilder

Nachteile einer Kettenschaltung bleiben der unweigerlich höhere Wartungsbedarf und der frühere Verschleiß des Antriebs. Das machen geschlossene Getriebeschaltungen und Riemenantrieb besser (Falkenjagd, Koga und Tout Terrain). Die regelmäßig abgestuften Gänge bei Rohloff und Pinion stehen für harmonische Kraftentfaltung unter schweren Bedingungen. Gleichzeitig liegt der Aufwand für Putzen und Pflegen niedriger. Das Norwid wirkt hier etwas unentschlossen: Seine Rohloff-Nabe wird per Kette angetrieben. Sein handgemachter Rahmen lässt mangels teilbarer Kettenstrebe auch keine Riemenmontage zu. Idworx dagegen setzt auf eine Speziallösung: Man paart ein eigens gefertigtes Kettenblatt aus gehärtetem Messerstahl mit speziell gehärteter Kette. Das verspricht laut Idworx höhere Haltbarkeit als ein Gates-Riemen. Zudem schließt es gelegentliche Riemen-Probleme wie Quietschen, falsche Riemenspannung oder Schräglauf durch ungenau ausgerichtete Hinterbauten aus. Die Gegenspieler zum Antrieb sind potente Bremsen. Alle Anbieter setzen auf hochwertige Scheibenbremsen. Meist sind 180 Millimeter große Bremsscheiben montiert. Die überhitzen auf langen Gefällestrecken weniger schnell und helfen so, bergab dauerhafte Bremsleistung zu garantieren. Das zählt besonders, wenn man mit Gepäck unterwegs ist. 160-Millimeter-Discs, wie an Koga, Patria und Poison, sind für schwere Fahrer (ab etwa 85 Kilo) mit Gepäck unterdimensioniert.

Daniel Simon Feld-, wald- und wiesentauglich: Breite Reifen und stabile Laufräder machen Reiseräder auch auf schlechten Wegen sicher fahrbar.

Individualität kostet

Technisch sind die Kandidaten gut gerüstet. Viele Komponenten lassen sich im Baukasten-System auswählen. Reiseräder sind schließlich eine langfristige Investition, zudem sind wir im obersten Preissegment unterwegs: Eine individuelle Auswahl gehört dazu, sofern technisch sinnvoll. Heftig ist jedoch das Preisniveau: Die Achttausender-Marke ist überschritten, im Schnitt liegen die Bikes bei 5.407 Euro. Unsere Auswahl ist zwar nicht repräsentativ, aber doch aussagefähig. Eine Preissteigerung bei Rohstoff-, Transport- und Personalkosten hatte sich bereits in den Vorjahren abgezeichnet und war auch zu erwarten. Die Pandemie hat jedoch den Turbo gezündet: Der anfängliche Abbruch von Lieferketten mit anschließend extrem gestiegener Nachfrage bringt der Rad-Branche einen Verteilungskampf bei gleichzeitig vervielfachten Transportkosten und -zeiten. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar, und billiger wird’s nicht mehr. Doch der Kaufpreis ist irgendwann vergessen. Dann ermöglicht ein perfektes Reiserad umso intensivere Erlebnisse und Erfahrungen. Und das ist es, was schließlich zählt.

Daniel Simon Dort, wo der Enzian blüht: Jeder Höhenmeter mit Reisegepäck ist hart erkämpft.


Den kompletten Vergleichstest der Reiseräder aus MYBIKE 4/2021 inkl. aller Einzelbewertungen können Sie unter dem Artikel als PDF herunterladen. Der Test kostet 1,99 Euro.

Themen: Highend-ReiseräderMybike 4/2021Reiseräder

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