Basiswissen Scheibenbremsen

20 Fragen rund um die Scheibenbremse

Für manchen Fahrradfahrer ist das Thema Scheibenbremsen immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Hier sind 20 Antworten auf häufig gestellte Fragen – Basiswissen für alle Neugierigen.

Kai Hilbertz am 19.08.2014
DS1405_Scheibenbremse-Auf
Daniel Simon

Die wichtigste Frage:

Was sind die Vor- und die Nachteile von Scheibenbremsen am Fahrrad?

Vorteile:
• Durch ihre höhere Flächenpressung ist die Bremsleistung von Scheibenbremsen bei Nässe viel besser.
• Man braucht bis zu 20% weniger Handkraft, um dieselbe Bremsleistung zu erzielen – vorteilhaft nicht nur für Frauen und ältere Personen.
• Die Felgen verschleißen nicht mehr • Bei einem "Achter" können die Felgen nicht mehr an der Bremse schleifen.
• Bei langen Abfahrten im Gebirge können die Felgen nicht mehr überhitzen.
• Die Bremsscheiben verdrecken nicht so schnell. 
• In der Regel halten Bremsbeläge für Scheibenbremsen länger als Beläge für Felgenbremsen.
• Sie sind besser für sehr dicke Reifen geeignet.

Nachteile:
• Scheibenbremsen sind schwerer als Felgenbremsen und meist technisch komplexer.
• Dadurch kosten sie mehr als Felgenbremsen, v.a. wenn es hydraulische Scheibenbremsen sind.
• Statt der Felgen können jetzt die Bremsscheiben bei schwerbeladenen Touren oder bei langen Abfahrten überhitzen.
• Kann beim Radtransport leicht beschädigt werden.
• Naben und Speichen werden stärker belastet.
• Scheibenbremsen müssen eingebremst werden, was für den Laien nicht immer ganz einfach ist.

Kann ich mein Fahrrad nachträglich mit Scheibenbremsen ausstatten?

Das geht nur, wenn die Gabel und/oder der Rahmen über die entsprechenden Aufnahmen für Scheibenbremsen verfügen. Das sind jeweils zwei Befestigungspunkte in der Nähe des linken Ausfallendes. Wer unbedingt will, kann seine Starr- oder Federgabel durch eine Gabel ersetzen, die für Scheibenbremsen ausgelegt ist. Wenn jedoch der Rahmen keine Aufnahmen hat, dann können hinten keine Scheibenbremsen montiert werden. Laufräder müssen Disc-tauglich sein.

Welche unterschiedlichen Bremssattelaufnahmen gibt es an Rahmen und Gabel?

Aktuell gibt es zwei Standards: Postmount und IS2000 (International Standard). Bei Postmount liegen die Befestigungspunkte 74,2 mm auseinander und sind entlang der Längsachse ausgerichtet (Foto unten links). Bei IS2000 liegen die Bohrungen der Aufnahme 51 mm auseinander und quer zur Fahrtrichtung (Foto rechts). Die Aufnahmen werden bisher meistens so angebracht, dass vorne und hinten Bremsscheiben mit 160 mm Durchmesser als Standard montiert werden können. Das bedeutet auch, dass keine kleineren Discs als 160er montiert werden können. Neuerdings werden allerdings mehr und mehr Mountainbikes mit Direkt-Postmount ausgeliefert; sie nehmen standardmäßig 180 mm Discs auf. Da der Trend eindeutig in Richtung größere Bremsscheiben geht, wird sich diese Anordnung möglicherweise auch irgendwann bei Trekkingbikes durchsetzen.

Wozu dienen Adapter, warum gibt es Bremsscheiben in verschiedenen Größen?

Es gibt -zig verschiedene Adapter für IS2000 und Postmount am Markt. Sie alle dienen einem Zweck: Sie rücken den Bremssattel in passende Position zur entsprechenden Scheibengröße. Dadurch wird es möglich, größere Discs zu montieren. Diese gibt es in vielen verschiedenen Größen, im Zweifel sollten Sie immer die größere Scheibe wählen. Sie ermöglicht höhere Bremsleistungen, wiegt etwas mehr und belastet Rahmen und Gabel mehr. Nicht jede Gabel darf Bremsscheiben größer als 180 mm aufnehmen. Manche Cross- und Rennräder benutzen 140 mm Discs, während es bei Trekkingbikes erst bei 160 mm losgeht. Wer entweder etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt oder aber mit viel Gepäck unterwegs ist, wird 180 mm Scheiben montieren wollen. Wer in den Alpen unterwegs ist, wird eher zu 203 mm Scheiben tendieren. An Tandems und Transporträdern sind oft Scheiben mit 220, 240 oder sogar 254 mm Durchmesser (Santana) montiert.

Sind mechanische oder hydraulische Scheibenbremsen besser?

Mechanische Scheibenbremsen werden, ähnlich wie klassische Felgenbremsen, über einen Bowdenzug gebremst. Je länger das Kabel wird, umso größer wird die systemimmanente Reibung. Hydraulische Scheibenbremsen werden dagegen mit Bremsflüssigkeit gebremst. Weil ihre Reibungsverluste geringer sind, sind auch Dosierbarkeit und Bremskraft besser. Diese Vorteile werden mit den Nachteilen höherer Kosten und höherer mechanischer Komplexität erkauft. Die meisten mechanischen Bremsen arbeiten einseitig mit nur einem Kolben. Der beweg­liche Kolben drückt die Scheibe gegen den fest im Bremssattel verankerten inneren Belag. Dagegen arbeiten hydraulische Bremsen in der Regel mit zwei Kolben, die die Bremsscheibe von beiden Seiten symmetrisch anbremsen.
Hydraulische Bremsen sind meist sehr zuverlässig, benötigen aber für die Wartung Spezialwerkzeug. So müssen sie z.B. bei der Erstmontage, und häufig auch später bei der Wartung, entlüftet werden. Verglichen damit sind die Bremszüge mechanischer Bremsen anfällig für Rost und Schmutz, aber sie lassen sich leichter reparieren.

Sind bei hydraulischen Bremsen alle Bremsflüssigkeiten gleich?

Nein. Manche Hersteller verwenden DOT-(Auto-)Bremsflüssigkeit, andere Hersteller Mineralöl. Die zwei Arten der Bremsflüssigkeit sind nicht miteinander kompatibel.
Avid/SRAM, Formula, Hayes und Hope verwenden entweder DOT 4 oder 5.1, die beide auf Glykolbasis arbeiten. Achtung: DOT 5 ist auf Silikonbasis aufgebaut und nicht mit DOT 4 oder 5.1 kompatibel! DOT-Flüssigkeit hat den Vorteil eines hohen Siedepunkts, hat aber den Nachteil sowohl giftig als auch hygroskopisch zu sein. Das bedeutet, dass sie Wasser aus der Luft aufnimmt. DOT-Flüssigkeit ist sowohl für die Haut wie für Fahrradlack ätzend und sollte daher möglichst schnell abgewischt werden, wenn sie mal austritt. Der Siedepunkt von DOT 5.1 liegt etwas höher, dafür ist DOT 4 fast überall zu bekommen. Man kann beide untereinander austauschen.
Mineralöl ist dagegen chemisch neutral und zieht kein Wasser. Es kann auf Jahre im Bremssystem verbleiben, ohne ausgetauscht werden zu müssen. Es wird von Magura, Shimano und Tektro eingesetzt. Laut Auskunft unserer Mechaniker kann man bedenkenlos das bei Magura und Shimano verwendete Mineralöl untereinander austauschen.

Was passiert, wenn man aus Versehen ein Mineralöl-System mit DOT entlüftet oder umgekehrt?

Wenn man bei der Wartung die falsche Bremsflüssigkeit einfüllt, dann ist das so etwas wie der größte anzunehmende Unfall. Wenn man DOT-Flüssigkeit zu einer Mineralöl-Bremse beimischt, dann werden die Dichtungen „angefressen“ und weich. Sie sind damit zerstört, sämtliche Dichtelemente müssen gegen neue ausgetauscht werden und die Bremse danach neu zusammengebaut werden. Wenn Mineralöl in eine DOT-Bremse gelangt, dann tritt ein Art Viagra-Effekt ein: Die Dichtungen schwellen an und müssen ebenfalls alle ausgetauscht werden. Daher sollten immer auf die korrekte Bremsflüssigkeit geachtet werden.
 

Welche Laufräder sind für Scheibenbremsen geeignet?

Bei Scheibenbremsen müssen die Vorder- und Hinterradnaben auf der linken Seite jeweils über eine Aufnahme für die Scheibe verfügen. Die Aufnahme kann unterschiedlich ausgeformt sein, siehe die nächste Frage. Ferner müssen die Speichen abgewinkelt zur Felge verlaufen, sodass sie sich gegenseitig kreuzen. Ein Rad mit radialer (= ungekreuzter) Einspeichung ist aus Stabilitätsgründen nicht für Scheibenbremsen geeignet.


Was ist der Unterschied zwischen Naben mit IS2000-Aufnahme und Centerlock?Was ist mit Rohloff und Pinion?

Die meisten Naben verwenden die IS2000-Aufnahme, auch „6-Loch Aufnahme“ genannt. Die Scheibe wird mit sechs M5-Torxschrauben auf die Nabe aufgeschraubt. Shimano hat mit Centerlock ein eigenes System mit Vielzahnprofil und Verschlussring eingeführt (Fotos links). Damit geht die Montage bzw. Demontage etwas schneller, zudem kann die Flanschgröße der Naben ein bisschen reduziert werden. Der Ring kann mit dem normalen Kassetten-Verschlussring-Werkzeug festgedreht werden. Rohloff verwendet wegen der Form seiner Hinterradnabe ein eigenes, 4-Loch-Befestigungssystem für Bremsscheiben. Neben Rohloff bieten Avid, Formula, Hope, Magura und Trickstuff diverse Discs im 4-Loch-Format an. Pinion-Räder brauchen kein eigenes System, jede geeignete Nabe kann verwendet werden.
 

Kann man 6-Loch-Scheiben auch auf Centerlock-Naben montieren?

Ja. Es muss nur ein Centerlock-Adapter auf die Scheibe montiert werden (s. unten), und schon kann sie auf einer Centerlock-Nabe befestigt werden. Derartige Adapter werden sowohl von Shimano wie von Drittherstellern angeboten und sind meistens nicht teuer.

Warum sollte ich Bremsscheiben direkt nach einer Fahrt nicht anfassen?

Die Scheiben können sehr heiß werden! Das Hauptproblem bei allen Scheibenbremsen ist der Abbau von Wärme. Wenn sie gerade auf ebenem Gelände ohne Gepäck unterwegs waren und nicht vor Kurzem stark gebremst haben, dann werden die Discs auch nicht sehr warm sein. Aber wenn sie gerade mit vielen Taschen oder in den Bergen unterwegs sind, dann können die Scheiben richtig heiß werden. Gehen Sie also im Zweifelsfall lieber kein Risiko ein – Finger weg!
 

Warum sind manche Bremsscheiben einteilig und andere mit einem separaten Träger versehen?
 

DS1405_Vergleich-Scheiben

IS oder 6-Loch-Scheiben werden oft aus einem Stück Edelstahl gefertigt. Das ist einfach und zuverlässig. Centerlock-Bremsscheiben haben dagegen immer ein inneres Profil aus Alu, um das Vielzahnprofil der Nabe aufzunehmen. Wenn das Profil etwas größer ausgeformt wird und über mehrere Arme verfügt, wird es „Spider“ genannt (s. Foto rechts). Die äußere Scheibe aus Stahl wird mit der Spider vernietet. Auch 6-Loch-Scheiben werden oft mit einer Spider hergestellt. Gerade bei großen Scheiben verleihen Spider zusätzliche Stabilität und können bei großer thermischer Belastung vorteilhaft sein. Wenn sich eine Bremsscheibe zu stark erhitzt, kann sie sich verformen. Spider-Konstruktionen sind allgemein etwas resistenter gegen derartige Verformungen.
 

Sind die Bremsflächen der Discs immer aus massivem Stahl?

Nicht unbedingt. Es hat z.B. auch Discs aus Titan gegeben, die allerdings sehr teuer waren und v.a. schnell verschlissen sind. Die meisten Bremsscheiben sind aus massivem Edelstahl, ein Material, dass sich seit Langem bewährt hat. Seit ein paar Jahren hat Shimano mit „IceTech“ eine neue Verbundkonstruktion auf den Markt gebracht. Die Bremsflächen der Discs sind aus Stahl, während der Aluminiumkern in der Mitte besser in der Lage sein soll, Bremswärme abzuführen. Dazu gesellen sich neue „IceTech“ Bremsbeläge (nächste Frage).

Was sind die Vor- und Nachteile von Shimanos „IceTech“ und „Freeza“?

IceTech-Bremsbeläge werden mit Kühlrippen versehen (Foto links). Bei der „Freeza“-Technik wird der IceTech-Alukern der Scheibe vergrößert und zu Kühlrippen geformt, um sie nochmals kühler zu halten. Tests von BIKE und TOUR haben gezeigt, dass IceTech-Beläge und -Verbundscheiben tatsächlich Wärme gut ableiten. Unter normalen Bedingungen funktionieren IceTech-Bremsscheiben tadellos. Werden sie jedoch unter extremen, aber dennoch realistischen Bedingungen zu stark erhitzt, so kann der Alukern schmelzen – die Bremsleistung lässt schlagartig nach. Daher sollten alpine Radler und Tourenfahrer mit viel Gepäck lieber möglichst große Bremsscheiben aus massivem Stahl montieren.

Kann ich Bremsscheiben von anderen Herstellern verwenden?

Ja. Zunächst sollte natürlich die Größe stimmen. Wenn die Scheibe etwas zu klein ist, dann ist das nicht katastrophal, aber auch nicht vorteilhaft. Eine etwas zu große Scheibe kann dagegen oben an der Aussparung des Bremssattels schleifen. Kontrollieren Sie auch, dass der Spider (sofern vorhanden) nicht den Bremssattel berührt. Da die neue Scheibe weniger abgenutzt sein wird als die alte, müssen die Bremsbeläge eventuell neu eingestellt werden, sofern sie nicht beim Scheibenwechsel ersetzt werden. Manche neue Bremsscheiben, wie z.B. die Shimano SM-RT54, dürfen nur mit organischen Belägen gefahren werden.

Was ist der Unterschied zwischen metallischen und organischen Belägen?

DS1405_organisch-gesintert

Der Begriff „organische“ Beläge ist missverständlich, es handelt sich nicht um ökologische Bremsklötze. Organisch bedeutet hier lediglich, dass derartige Beläge weniger Metallelemente und mehr Fiberglas und Harz beinhalten. Sie bremsen besser, v.a. bei Nässe, und sind leiser. Metallische Beläge haben eine längere Lebensdauer und quietschen tendenziell mehr.

Müssen Scheibenbremsen eingebremst werden?

Ja, unbedingt! Lesen Sie dazu immer die Bedienungsanleitung. Speziell bei organischen Belägen müssen die Beläge durch starkes Dauerbremsen im Gefälle auf über 200 Grad erhitzt werden, damit Lösungsmittel ausgasen können. Beim Ausgasen vermindert sich die Bremskraft stark, es kommt zum sogenannten „Fading“. Daher beim Einbremsen möglichst immer nur mit einer Bremse bremsen, die zweite in Reserve halten. Sicherheitshalber sollte man diese Prozedur fernab von jeglichem Verkehr durchführen.

Warum quietschen meine Scheibenbremsen, obwohl ich sie eingefahren habe?

Wenn die Bremsen richtig eingebremst wurden, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass entweder die Beläge oder die Scheiben verunreinigt wurden. Denken Sie daran, dass z.B. Kettenöl nie auf die Beläge geraten darf, in diesem Fall müssen sie ersetzt werden. Die Scheiben lassen sich mit Alkohol oder speziellem Bremsenreiniger reinigen. Die Beläge lassen sich mit feinem Sandpapier vorsichtig reinigen und anrauhen.

Wie vermeide ich Transportschäden?

Eine Scheibenbremse sollte man nie betätigen, wenn sich keine Scheibe im Bremssattel befindet, also wenn z.B. die Laufräder für den Transport ausgebaut sind. Für diesen Fall bieten Hersteller wie Magura Transportsicherungen aus Kunststoff an, die in den Bremssattel gesteckt werden (s. Foto links unten). Wenn die Bremsbeläge aber doch zusammengedrückt wurden, bitte nicht mit einem Schraubenzieher auseinanderdrücken – das kann die Beläge zerkratzen! Nehmen Sie dazu lieber die Transportsicherung oder etwas anderes aus Kunststoff.

Wie oft müssen Scheibenbremsen zum Service?

Bei mechanischen Bremsen sollte man die Züge auf Leichtgängigkeit kontrollieren. Hydraulische Bremsen mit DOT-Flüssigkeit müssen hin und wieder neu befüllt werden. Scheibenbremsen sollten mindestens einmal im Jahr kontrolliert werden. Tauschen Sie die Bremsbeläge spätestens ab einer Reststärke von 0,5 mm. Messen Sie auch die Scheibenstärke. Wenn die Mindeststärke (manchmal auf den Scheiben aufgedruckt, sonst Herstellerangaben checken) unterschritten wird, müssen auch sie gewechselt werden.

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Kai Hilbertz am 19.08.2014

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