Einstieg leicht gemacht Einstieg leicht gemacht Einstieg leicht gemacht

Test: Damenräder mit und ohne Motor

Einstieg leicht gemacht

  • Jochen Donner

Der klassische Herrenrahmen „mit Stange“ ist die stabilste Rahmenform für ein Fahrrad. Doch das Oberrohr stört nicht nur Radlerinnen beim Auf- und Absteigen. MYBIKE testet sieben einstiegsfreundliche Rahmen-Konzepte mit und ohne Motor.

Viele Radfahrerinnen steigen auf ihr Bike, indem sie das rechte Bein vor dem Sattel über den Rahmen heben. Das geht am besten, wenn der Rahmen eine geringe Überstandshöhe hat und so einen tiefen Einstieg unterstützt. Dasselbe gilt, geschlechtsunabhängig, für Leute, deren Beweglichkeit es nicht (mehr) zulässt, das rechte Bein hintenherum über den Sattel zu schwingen. Bei einer spontanen, natürlich nicht repräsentativen Umfrage im Umkreis der Redaktion stellte sich heraus, dass die meisten Frauen den Damen-Aufstieg bevorzugten – einige praktizieren diese Technik sogar, wenn sie auf ein MTB oder Rennrad mit klassischer Diamant- Konstruktion klettern. Der Beinaufschwung über den Sattel, den „wir Männer“ so intuitiv wie automatisch benutzen, fühlt sich für viele Radfahrerinnen ungewohnt, ja unsicher an. Die meisten haben ihn nie erlernt, weil sie das, dank Damenrahmen, nie mussten.

Leider bringt ein Rahmen mit tiefergelegtem Einstieg konstruktionsbedingte Nachteile mit sich: Wird er nicht deutlich schwerer und voluminöser als ein klassischer Diamantrahmen ausgelegt, verschlechtert sich seine Fahrdynamik. Die vom Pedalieren herrührende Unwucht äußert sich in gegenläufigen, seitlichen Pendelbewegungen zwischen Sattel und Lenker, der Rahmen verwindet sich unter Last – erst recht beim Gegenzug am Lenker, wenn kräftiger pedaliert wird oder wenn ein beladener Gepäckträger weitere Störungen ins Balance-System bringt.

Unsere Damenräder im Test

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Diese Verwindungen können die Fahrstabilität und -sicherheit beeinträchtigen, denn sie haben die Tendenz, das Vorderrad aus der Spur zu bringen. Bei hoher Geschwindigkeit, mit Kindersitz oder viel Gepäck und erst recht beim Ein- oder Freihändigfahren ist jedoch jede Stabilitätseinbuße unerwünscht. Im Extremfall kann sie zum Sturz führen. Der Grund für die beschriebenen Steifigkeitsdefizite liegt in der Statik der Rahmenkonstruktion: Das annähernd waagerechte Oberrohr eines Diamantrahmens, das die oberen Enden von Steuer- und Sitzrohr miteinander verbindet, stützt seitliche Auslenkung zuverlässig ab. So kommt es an einem „Herrenrahmen“ erst bei viel höheren Kräften zu störender seitlicher Torsion.

„Rahmen mit tieferem Einstieg können nie so steif sein wie ein Diamantrahmen. Dennoch kann man hervorragende ‚Damenrahmen‘ bauen. Fahrspaß und -sicherheit sind nicht geschlechtsabhängig.“
Jochen Donner, Testredakteur

Bei Rahmen mit tieferem Einstieg sind die Kräfteverhältnisse weniger günstig: Mehrere Vergleichsmessungen an „Radgeschwistern“, also einem Herren- und einem Damenrad desselben Modells, gleicher Bauart und Rahmengröße, ergaben Unterschiede der Seitensteifigkeit zwischen etwa 12 und 20 Prozent zwischen beiden Rahmenformen, je nach Bauart und Auslegung. Für die Rahmensteifigkeit spielen die verwendeten Querschnitte, Durchmesser und Wandstärken der Rahmenrohre eine große Rolle. Generell kann man sagen: Je größer der Rohrdurchmesser und je höher die Wandstärke ist, desto besser kann der Rohrverbund unerwünschte Störkräfte verdauen. Je steifer der Rahmen ist, desto sicherer fährt sich das gesamte Rad.

Starke E-Bikes?

Bei den E-Bikes im Test rechneten wir eigentlich nicht mit den typischen Schwächen von Rahmen mit tiefem Durchstieg: Pedelec-Rahmen bestehen meist aus voluminösen Alu-Profilen, dickwandig und oft eckig ausgeformt. Dank Motorunterstützung spielt das Mehrgewicht ja kaum eine Rolle. Intube-Akkus haben den Trend zum Rohrvolumen noch verstärkt. Die Messwerte, die wir auf unserem ECS-Prüfstand ermittelt haben, sprechen dementsprechend eine klare Sprache: Alle drei Pedelecs liegen auf unproblematischem Seitensteifigkeits-Niveau. Canyon und Flyer toppen locker die Werte sogar der besten „Bio-Bikes“. Also sollte mangelnde Fahrsicherheit kein Problem mehr sein – dachten wir. Doch mit Messwerten ist das immer so eine Sache: Aussagekräftig sind sie nur, wenn sie sich mit dem Fahreindruck aus der Praxis decken. Testfahrten, gerade auch mit Gepäck, sind also unerlässlich.

Flatterhafte Rahmen

Und auf diesen Testfahrten lauerte eine überraschende Erkenntnis: An den eigentlich steifen Pedelecs von Canyon und Kalkhoff stellt sich bei freihändiger Fahrt Rahmenflattern am Lenkkopf ein. Das Vorderrad tänzelt mit zunehmender Amplitude hin und her, die Lenkerenden schwingen, der Vorderrahmen schaukelt sich auf. Legt man beide Hände an den Lenker, beruhigt sich die Situation schnell. Das geschieht im Geschwindigkeitsbereich von etwa 17 bis 25 Stundenkilometer, mit Gepäckzuladung entsprechend früher und mit mehr Energie. Dieses Lenker- oder Rahmenflattern rührt offensichtlich davon, dass die für die Aufnahme des Intube- Akkus aufgeschnittenen Unterrohre, eine Art U-Profil, der Längsverwindung ab einer bestimmten Eigenfrequenz überraschend schlecht widerstehen können. Bei den Testfahrten war eine deutliche Verwindung an den Fugen zwischen Akku und Unterrohr zu beobachten. Die Akkus selbst können und dürfen nicht versteifend wirken, da sie aus Stabilitäts- und Sicherheitsgründen nicht als tragende Struktur konzipiert sind. Wann und wie stark es zum Rahmenflattern kommt, hängt auch davon ab, welche und wie viele Anreger im Spiel sind. Das Flyer dagegen blieb völlig stabil: Hier sitzt der Akku quer hinter dem Sitzrohr. Auch die vier „unelektrischen“ Damenräder fuhren sich ohne jedes Aufschaukeln.

Genau betrachtet

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Die Rahmen dieser Räder bestehen ausschließlich aus mehr oder weniger runden Rohren. Sie erwiesen sich als torsionsunempfindlicher als die offenen Profile mit Akku-Aufnahme. Herausragende Fahrstabilität unter den muskelbetriebenen Rädern beweist der Kreuz-Mixte-Rahmen des Contoura: Im Fahrverhalten liegt das AL 14 nicht mehr weit von einem agilen, rassigen Rennrad entfernt. Auch die Räder von Rose und Stevens ließen sich weder durch Tourengepäck noch durch herzhafte Antritte aus der Spur bringen. Selbst das Bergamont mit seinem relativ geringen Steifigkeits- Messwert bleibt bei vernünftigem Gebrauch gut kontrollierbar. Als Tendenz lässt sich erkennen: Je mehr Gewicht sich jeweils an Motor, Akku, Cockpit oder beladenem Gepäckträger konzentriert und je weiter diese kompakten Massen an einem Fahrrad auseinanderliegen, desto intensiver wirken sie als Störimpulse – und desto unruhiger wird das Fahrverhalten. Tritt Lenkerflattern überraschend und bei hoher Geschwindigkeit auf, kann das gefährlich werden. Völlig vermeiden lassen sich Flatter- Effekte nicht, sie sind konstruktiv bedingt. Wichtig ist, darüber Bescheid zu wissen – und schlimmstenfalls gelassen Tempo rauszunehmen.

MESSUNG DER RAHMENSTEIFIGKEIT

Auf unserem pneumatisch betriebenen ECS-Prüfstand („E-Bike-Center-Stiffness“, Zedler-Institut, www.zedler.de ) werden die Test-Bikes fahrfertig, jedoch ohne Laufräder an den Ausfallenden von Gabel und Rahmen fixiert. Über formschlüssige Adapter nimmt der Prüfstand beide Enden der Kurbelachse in den Griff und zieht den Tretlagerbereich mit definierter Kraft zur Seite, von der Mittelachse aus abwechselnd nach rechts und links. Die erzielte Auslenkung von teils mehreren Zentimetern wird gemessen und protokolliert. Die Messwerte in Newton pro Millimeter (N/mm) geben Aufschluss darüber, wie seitensteif das jeweilige Rahmen-Gabel- System ausfällt. Werte ab 80 N/mm bewerten wir derzeit mit Teilnote 1 in der Sparte Fahrsicherheit. Darunter wird die Bewertung alle 5 Newton eine Note schlechter. Lenker, Vorbau, Sattel, Sattelstütze und insbesondere der Gepäckträger können nicht in die Messung einbezogen werden. Deshalb ist die endgültige Bewertung des Testrades immer eng an den persönlichen Fahreindruck durch intensive Testfahrten mit und ohne Gepäck gekoppelt.

Interview mit Dipl.-Ing. Dirk Zedler

Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Fahrräder und Elektrofahrräder

MYBIKE: Welche Tücken birgt ein Rahmen mit tiefem Einstieg im Vergleich zum Diamantrahmen?

Ähnlich einem Fachwerk ist das jahrhundertealte Prinzip ein Glücksgriff: Jedes Rahmenrohr, das man weglässt, mindert die Fahrstabilität. Beim Tiefeinsteiger kann sich der vordere Rahmenbereich leichter gegenüber dem hinteren bewegen. Konstrukteure müssen sich hinsichtlich Steifigkeit und Haltbarkeit deutlich mehr Gedanken machen.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen klassischen Fahrrädern und Pedelecs?

Pedelecs haben schwerere Bauteile, die Fahrer/ -innen nehmen mehr Gepäck mit, und der Antrieb bringt mehr Nutzer in bergiges Gelände inklusive schneller Fahrt bergab. Pedelec-Nutzer/ -innen sitzen zudem gerne aufrecht. Bei Pedelecs sind daher die Anforderungen eklatant höher. Deshalb ist auch ein Gepäckträgerakku äußerst fragwürdig. Sitzt der Akku dagegen außen am Zentral- oder Unterrohr, hinter oder vor dem Sitzrohr, fährt sich das Pedelec deutlich besser.

Wie hängen Rahmensteifigkeit und Lenkkopfflattern zusammen?

Das sieht man an den Intube-Akkus bei Tiefeinsteigern: Einige Hersteller schneiden einfach das Rohr auf, um den Akku zu integrieren. Das Unterrohr bietet dann kaum noch Torsionswiderstand. Selbst wenn sonst alles passt, tritt schon bei geringen Geschwindigkeiten Fahrwerksunruhe auf. Lenkerflattern als ein Phänomen, aber auch die gefährliche Fahrinstabilität bergab, zum Beispiel bei Richtungswechseln, verunsichern nicht nur, sondern führen auch zu Unfällen.

Wie kann ich beim Fahrradkauf sicher sein, dass mein Wunsch-Bike mit tiefem Einstieg auch genügend Fahrsicherheit bietet?

Die Methode „scharfes Hinsehen“ reicht nicht. MYBIKE-Tests, in denen die Fahrstabilität gemessen und bei Probefahrten eingeordnet wird, dagegen schon. Zudem kann ich nur zur ausführlichen Probefahrt mit eingestellter Sitzposition und definitiv auch mit Gepäck raten. Gerade Letztgenanntes scheidet die Spreu vom Weizen.


Den kompletten Vergleichstest der Damenräder aus MYBIKE 3/2021 inkl. aller Einzelbewertungen können Sie unter dem Artikel als PDF herunterladen. Der Test kostet 1,99 Euro.

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Themen: DamenräderMYBIKE 3/2021

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