Gesundheit: Ergonomie-Pedale

Wer braucht Ergonomie-Pedale?

  • Angelika Urbach

Nach ergonomischen Griffen und Sätteln sollen nun auch Ergonomiepedale den Komfort auf Fahrradtouren erhöhen. Für welchen Radfahrer macht die neue Produktgruppe Sinn?

Griffe, Sattel und Pedale sind die Schnittstellen zwischen Mensch und Rad. Ihre Beschaffenheit und ihre Lage zueinander bestimmen das Maß an Komfort und die Effizienz des Tretens auf Tour. Doch während renommierte Hersteller seit vielen Jahren Komfortgriffe, neue Lenkerformen und vielgestaltige Sitzpolster entwickeln, spielten klassische Pedale im Ergonomie-Sektor bislang keine großartige Rolle. Das könnte sich ändern.

Nach Ergons paddelähnlichem „PC2“ und nach dem Pedal „521“, das SQlab mit verschiedenen Achsenlängen anbietet, stellte jüngst auch Ergotec ein ergonomisch geformtes Flachpedal vor. Grund genug für unsere Redaktion, den Blick ausnahmsweise nicht nach vorne zu richten, sondern nach unten wandern zu lassen. Wir haben die drei Pedale mit der Hilfe eines Orthopädieschuhmachers und professionellen Bikefitters unter die Lupe genommen. Die Frage an Thorsten Kitsche aus Dachau lautete: Was leisten die Ergonomiepedale – und was nicht?
Seine erste positive Einschätzung: „Ergonomiepedale folgen dem Trend zur immer stärkeren Individualisierung am Rad.“ Neben Griffen und Sätteln könnten nun auch Pedale montiert werden, die den Vorlieben und Bedürfnissen des Fahrers besser entsprechen. Wie aber erkennt der Kunde, welches Pedal zu seinen Bedürfnissen passt? Die Suche lenkt das Augenmerk zwangsläufig auf die Grundsätze der Verbindung zwischen Fuß und Pedal, die von Freizeitfahrern oft vernachlässigt wird.

Radsportler wissen: Je fester die Verbindung zwischen Schuh und Pedal, umso effizienter und kraftsparender ist der Tritt. Diese Forderung versuchen die Pedale von Ergon und Ergotec durch griffige Oberflächen und die spezielle Form ihrer Kontaktflächen zu erfüllen. Unsere Testfahrten zeigten: Sie halten den Fuß bei jeder Umdrehung tatsächlich ein wenig fester als herkömmliche Pedale, fixieren ihn jedoch nicht so stark wie Klickpedale. Darüber hinaus besitzen beide Modelle auffällig große Trittflächen. „Eine gute Idee“, meint Thorsten Kitsche, „Verteilt sich der Druck auf eine große Fläche, sinkt die punktuelle Belastung.“ Radfahrer, die z.B. unter Spreizfußschmerzen leiden, könnten davon profitieren. Ganz nebenbei sorgen die großen Pedale beim Fahren für ein angenehmes Sicherheitsgefühl, das selbst sportliche Alltagsradfahrer schätzen dürften.

Die ideale Position des Fußes zum Pedal ist gefunden, wenn der Vorfuß über der Pedalachse steht – und nicht etwa der Mittelfuß. Erstens kann sich in dieser Position das Fußgelenk zur Seite bewegen und Ausweichbewegungen des Knies beim Treten besser zulassen, zweitens ist die Kraftübertragung direkt vom Ballen aufs Pedal besonders impulsiv.
Durch ihre spezielle Passform führen die Pedale von Ergon und Ergotec die Schuhsohle und damit den Vorfuß in eine Position zur Achse, die für Radfahrer mit durchschnittlich geformten Füßen stimmt. Wer allerdings eine andere Stellung auf dem Pedal bevorzugt, hat das Nachsehen. „Darüber hinaus kommt der gewünschte Effekt nur dann zur Geltung, wenn der Sattel zuvor in die richtige Position zum Pedal gebracht wurde“, warnt Thorsten Kitsche. Ein gut eingestelltes Rad ist die Voraussetzung für sicheres und effizientes Treten. Ist der Sattel zu hoch eingestellt, wird meist mit den Fußspitzen getreten; sitzt er zu tief, kommen der Mittelfuß oder die Ferse aufs Pedal.
Experten wie Thorsten Kitsche empfehlen, die Füße im Abstand der Hüftknochen aufs Pedal zu setzen bzw. möglichst nah an die Kurbel zu bringen. Dabei werde die beste Kraftübertragung bei geringer Fuß- und Kniebelastung erzielt. Nur in Ausnahmen, z.B. wenn die Füße beim normalen Gehen stark nach außen gedreht werden, kann eine Verbreiterung angebracht sein. An dieser Stelle kommen die drei unterschiedlichen Achsenlängen des Pedals 521 von SQlab ins Rennen: Seine L-Variante eignet sich für Menschen mit sehr großen Füßen und verschafft Radfahrern mit nach außen gedrehten Füßen Raum zum Pedalieren ohne sich an der Kurbel oder am Rahmen zu stoßen.

Der häufigste Stellungsfehler auf dem Pedal ist laut Thorsten Kitsche eine nach innen, also zum Rad hin, gedrehte Ferse. "Beim Treten in dieser Fußballer-Haltung wird die Kraft zu größeren Teilen innen übertragen und das Knie einseitig belastet", erklärt er. Wer trotzdem auf diese Weise pedalieren will, sollte das Ergonomiepedal von Ergon ausprobieren: Durch eine moderate Erhöhung an seiner Innenseite erleichtert es die Außentendenz beim Treten.
Viele Menschen setzen beim Gehen den äußeren Rand der Fußsohle zuerst auf. Genau diese Varus-Stellung unterstützt der Keil des Ergon-Pedals. Unlogisch ist aus Sicht von Orthopädieschuhmacher Thorsten Kitsche allerdings, dass es für den Rest der Radfahrer, der mit einer Erhöhung an der Außenseite besser fahren würde, bislang keine Lösung gibt: "Ein Pedal mit entgegengesetztem Keil wäre die perfekte Ergänzung."
Schuheinlagen sind eine gute und simple Möglichkeit, die Fußstellung auf dem Pedal zu korrigieren. Man kann sie individuell vom Orthopädieschuhmacher anfertigen lassen – oder fertige Modelle im Fachhandel kaufen. Die Firma Specialized beispielsweise hat ein Konzept entwickelt, das es Radfahrern ermöglicht, durch Einlegesohlen und Keile die Ausrichtung im Schuh individuell anzupassen.

Unser Fazit: Jedes Ergonomiepedal besitzt seinen eigenen Charakter, kein Modell macht für jeden Typ Radfahrer gleichermaßen Sinn. Wer beim Pedalieren frei von Beschwerden ist, sich aber mehr Komfort und Sicherheit beim Treten wünscht, könnte mit dem unscheinbaren Modell von Ergotec ein echtes Aha-Erlebnis erfahren. Doch für Radfahrer mit Vorschäden oder körperlichen Einschränkungen stellt der Tausch der Pedale kein Allheilmittel dar. In diesen Fällen sollten passende Lösungen in Absprache mit einem Sportmediziner oder erfahrenen Orthopäden gefunden werden.

Den Artikel aus Ausgabe 1/2015 in voller Länge erhalten Sie als kostenlosen PDF-Download. 

Schlagwörter: Ergonomiepedale Radfahren

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