City-PedelecsSechs leichte E-Bikes im MYBIKE-Test

Uli Frieß

 · 10.11.2022

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Foto: Bernhard Huber
Die Pedelecs aus dem MYBIKE-Praxis-Test

Diskrete Motoren, kleine Akkus: Schicke Kurzstrecken-Pedelecs sausen durch Vor- und Innenstädte. Was können leichte E-Bikes? Der MYBIKE-Test klärt auf und testet 6 leichte E-Bikes.

Sechs leichte E-Bikes aus dem MYBIKE-Test

Schwer ist leicht was, heißt es. Ein klassisches Pedelec mit Federgabel, großem Akku und potentem Motor wiegt heute durchschnittlich zwischen 25 und 30 Kilo – ein Gewicht, dass das Handling im Alltag erschwert. Da kann das Aufkommen eines technischen Gegentrends kaum überraschen: Immer mehr kleine, unscheinbare und leistungsreduzierte Antriebe bieten die Chance auf eine willkommene Abkehr von der kontinuierlichen technischen Aufrüstung im Pedelec-Mainstream, denn Räder für die Stadt und kurze Strecken brauchen weder starke Motoren noch schwere Akkus.

Verlagssonderveröffentlichung

Verstecktes Pedelec

Im Gegenteil: Kleine und unscheinbare Antriebskomponenten erweitern die Gestaltungsmöglichkeiten und können neue Kunden fürs Pedelec gewinnen. Mit den heute verfügbaren Antriebskomponenten gelingt es, Räder zu bauen, denen man das Pedelec nicht ansieht – die ästhetische Seite des technischen Minimalismus. Dass sich gutes Design und eine hochwertige, erprobte Ausstattung nicht ausschließen, haben viele Hersteller erkannt. So stoßen technikbegeisterte Puristen auf ein breites Angebot an stylishen Pedelecs mit abgespeckten Antrieben und trotzdem alltagstauglicher Ausstattung.

Urban Bikes im Test

Die Urban Bikes unseres Tests lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Das Cannondale Tesoro Neo SL und das Coboc Iseo sind alltagstaugliche Pedelecs mit bequemer Sitzposition und breitem Nutzwert. Feddz E-Urban, Look Gotham und Tenways CGO600 richten sich dagegen an sportlich orientierte Fahrer, die Wert auf individuelle Gestaltung und hohe Fahrdynamik legen. Ein Ausreißer ist das Storck Urban CTS, es lässt sich nicht so einfach kategorisieren. Sein extrastarker Mittelmotor, der große Akku und die Stollenbereifung machen das Rad auch fit für Feld- und Waldwege. Seinen Platz im Testfeld behauptet es durch den Willen zum Design und sein Gewicht.

Nicht mehr als 20 Kilo

Für diesen Test haben wir leichte E-Bikes ausgesucht, die nicht mehr als 20 Kilo wiegen – eine Vorgabe, die offenbar einigermaßen preisunabhängig ist: Unsere Testräder bewegen sich im breiten Spektrum von 1.600 bis 5.000 Euro. Besonderes Augenmerk haben wir zudem auf die Sicherheit der Leichtgewichte gelegt, denn eine leichte Bauweise sollte die Fahrsicherheit der Räder nicht verringern. Gespannt waren wir deshalb auf die Messergebnisse der Rahmensteifigkeit. Auch hier wurde nicht an der falschen Stelle abgespeckt, denn bis auf das Look Gotham überzeugten alle leichten E-Bikes mit den üblichen sicheren Steifigkeitswerten von Diamantrahmen. Der Rahmen des Gotham ist geringfügig weicher, aber für den Einsatz mit Pendler-Gepäck noch ausreichend steif.

Formschön: Einführung der Bremsleitung in die Gabel am Cannondale Tesoro.
Foto: Bernhard Huber
Details der leichten Pedelecs

Leichte E-Bikes im Leistungsvergleich

Am effektivsten lässt sich das Gewicht bei Motoren und Akkus einsparen. Auch hier enthüllte unser Prüfstand keine unerwarteten Details: In Bezug auf Leistung und Drehmoment können die kleinen und leichten Hinterrad-Nabenmotoren unserer Testräder und der Fazua-Mittelmotor des Look nicht mit den viel schwereren Kraftprotzen von Bosch, Shimano, Brose und Co. konkurrieren – von nichts kommt nichts. Zwar erreichen auch die leichten Antriebe die 250 Watt Pedelec-Nennleistung. Doch während übliche Motoren in der Spitze bisweilen das Doppelte raushauen, sind die kleinen Antriebe hier nahe ihrer Leistungsgrenze. Auch beim Drehmoment, das vor allem beim Beschleunigen spürbar ist, liegen die Werte niedriger als beim Technik-Mainstream.

Unerwartet viel Energie

Doch anders, als man erwarten würde, unterscheidet sich der Energieverbrauch der kleinen Antriebe nicht sehr von dem der kraftvolleren Konkurrenz: Bis auf das Fazua-System des Look und den Bafang-Motor im Hinterrad des Feddz verbrauchen die Motoren unerwartet viel Energie. Allerdings lässt sich am Verbrauch auch deutlich ablesen, dass diese Motoren mit Leistung geizen.

Das Look Gotham und Feddz E-Urban laufen sehr sparsam, absolvierten die Testläufe auf unserem Reichweitenprüfstand aber deutlich langsamer als ihre Wettbewerber. Sie fügen der Tretleistung von Fahrerin oder Fahrer einfach weniger Motorleistung hinzu als der Technik-Mainstream. Das ist kein Mangel, sondern entspricht dem Konzept der Antriebe. Mit gemessenen Reichweiten zwischen 34 und 61 Kilometern liefern die kleinen Akkus genug Energie für ausgedehnte Trips im urbanen Umfeld. Geht man davon aus, dass solche Räder von sportlicheren Fahrern bewegt werden, als sie das tourenorientierte Prüfprotokoll vorsieht, ist die Reichweite erst recht unkritisch. Dass der starke Shimano-Antrieb des Storck für seine höhere Unterstützungsleistung mehr Strom braucht, liegt auf der Hand.

Steigern die Lust am Radfahren: Leichte und stylishe Pedelecs für die Stadt.Foto: Bernhard Huber
Steigern die Lust am Radfahren: Leichte und stylishe Pedelecs für die Stadt.

Reduzierte Ausrüstung

Abgespeckt wurde auch bei der Ausstattung. So findet sich nur eine Federgabel im Test, gefederte Sattelstützen gibt es gar nicht. Die Gepäckträger, soweit überhaupt vorhanden, eignen sich nicht für Weltreisegepäck, nicht einmal Ständer sind immer montierbar. Erfreulich ist, dass alle Testräder mit zugelassener Beleuchtung bestückt sind. Ohne Lichtanlage wurde uns lediglich das Look Gotham zugesandt. Die elektrisch beleuchteten Rückstrahler der Pedale dieses Bikes sind weder ein Ersatz für eine Beleuchtung noch verbessern sie die Sicht bei Nacht. Mit handelsüblichem batteriegespeistem Front- und Hecklicht dürfte das Gotham aber auch bei Dunkelheit auf öffentlichen Straßen bewegt werden. Die ebenfalls sehr spezielle Lightskin-LED-Leuchte im Lenker des Feddz E-Urban ist zwar sehr hell und für den Straßenverkehr zugelassen, kommt aber an die Leistung und Straßen-Ausleuchtung von üblichen Frontscheinwerfern nicht heran.

Zum puristischen Konzept der leichten E-Bikes gehören neben unscheinbaren Antrieben auch minimalistische Displays für die Antriebe. Cannondale und Coboc treiben diesen Ansatz auf die Spitze. An beiden Pedelecs gibt es nur eine einzige Taste, um den Antrieb zum Leben zu erwecken und die Unterstützungsstufen zu wählen. Immerhin gibt es für alle Räder Apps, die sich per Smartphone mit den Antrieben koppeln lassen und so den Funktionsumfang der Bedienelemente erweitern.

Uli Frieß, Testredakteur: „Die leichten City-Pedelecs sind sehr individuell aufgebaut, das zeigt sich in erster Linie an den unterschiedlichen Antriebssystemen. Obwohl durchschnittlich 35 Prozent leichter als übliche Pedelecs, sind sie überzeugend fahrsicher. Das Storck Urban CTS zeigt beispielhaft, dass auch mit Leichtbau ein breiter Einsatzbereich realisiert werden kann.“
Dürfen auch dort fahren, wo ein Kfz nicht hindarf: Leichte Urban Bikes öffnen Räume.Foto: Bernhard Huber
Dürfen auch dort fahren, wo ein Kfz nicht hindarf: Leichte Urban Bikes öffnen Räume.

Fazit der leichten E-Bikes

Am Ende ist es ein Testfeld, das sich weder vom Preis noch von der technischen Auslegung im selben Rahmen bewegt. Einen preiswerten Singlespeeder mit Nabenmotor direkt mit einem üppig ausgestatteten 5.000-Euro-Bike wie dem Storck zu vergleichen wäre etwas unseriös. Die vorgestellte Sub-20-Klasse ist aber allemal interessant, um Alternativen zum technischen Mainstream unter die Lupe zu nehmen – und das herrschende Größer, Stärker, Weiter zu hinterfragen.

Übersicht des Testfazits.Foto: Daniel Kraus
Übersicht des Testfazits.

Mit seiner hochwertigen und stimmigen Ausrüstung und dem edlen Carbonrahmen sichert sich das Storck den Testsieg. Es gehört aber auch zu den teuren Rädern im Feld. Das zweitplatzierte, sportlich ausgelegte Tenways punktet mit hoher Fahrsicherheit und gelungenem Antrieb. Wirkliche Schwächen zeigt keines der Pedelecs, das Look könnte vollständiger ausgerüstet sein.

Vergleicht man leichte E-Bikes mit klassischen Schwergewichten, zeigt sich: Die Räder haben nicht wirklich ein Reichweitenproblem, für innerstädtische Distanzen sind die Akkugrößen ausreichend. Das Feddz E-Urban und das Gotham erreichen trotz kleiner Akkus mit 60 Kilometern erstaunliche Distanzen. Ihr geringer Energieverbrauch resultiert jedoch aus der reduzierten Motorleistung. Die beiden Pedelecs absolvierten unseren Prüfstandslauf aber deutlich langsamer. Beide Räder richten sich damit an Fahrer, die gerne selbst mehr Beinkraft investieren.

Eckdaten zum E-Bike-Test

  • Fahrergewicht: 85 kg
  • Tretleistung: Ebene: 60 Watt | Berg: 110 Watt
  • Unterstützung Ebene: Mittlere Stufe | Berg: Höchste Stufe

Service und Reparaturen

Drei leichte E-Bikes unseres Tests kann man hauptsächlich oder ausschließlich im Onlineshop ordern: das Coboc, das Feddz und das Tenways. Den Reparaturservice handhaben die drei Hersteller unterschiedlich. Wer ein Coboc online kauft, bestimmt schon während des Kaufvorgangs einen von vielen deutschlandweit verteilten Coboc-Händlern als persönlichen Service-Partner. Zu finden sind sie auf der Coboc-Website. Der Fachhändler führt sämtliche Arbeiten am Rad aus und baut es auf Wunsch auch auf. Feddz-Besitzer können Service und Reparaturleistungen im Feddz-Store in Berlin in Anspruch nehmen. Für Service-Arbeiten direkt beim Kunden kooperiert Feddz mit dem mobilen Einsatzteam von Get Bike. Tenways betreibt kein eigenes Händlernetz und kooperiert mit den Fahrrad-Handelsketten Little John, Mega Bike und BBF. Service- und Reparaturarbeiten erledigen deren Fachwerkstätten