TypsacheWelcher Fahrradtyp passt zu mir?

Jörg Spaniol

 · 08.04.2022

Typsache: Welcher Fahrradtyp passt zu mir?Foto: Jan Greune

Der Weg zum passenden Fahrrad hat wenig mit Technik zu tun. Wer sich realistisch einordnet, kann die meisten Radtypen gleich für sich ausschließen.

Die Grundfragen sind ganz einfach: Wie, wann, wo und weshalb möchte ich das Rad nutzen? Ist der Weg von A nach B nur notwendiges Übel oder eine möglichst erlebnisreiche Zeit draußen? Möchte ich mich auch mal anstrengen oder sollte mein Rad einen Motor haben? Wir haben versucht, die Mehrheit der Radlerinnen und Radler in vier große Gruppen zu unterteilen und ihnen ein paar typische Räder vorzustellen. Die ausdrücklich sport- und leistungsorientierten Rennradler und Mountainbiker bleiben dabei außen vor.

1. City und Alltag

Den wachenden Anteil des Fahrrades am Kurzstreckenverkehr muss man spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr aufwändig auszählen: Der Augenschein genügt. Etliche Städte nehmen dem Autoverkehr Platz weg, um ihn den Raldern zu überlassen.

Im Bereich City und Alltag, wo die einzelne Strecke oft nicht mehr als fünf Kilometer beträgt, zählen Wetterschutz und eine zuverlässige Beleuchtung mehr als eine beeindruckende Zahl an Übersetzungen. Nabenschaltungen mit fünf bis elf Gängen in Kombination mit einem Riemanantrieb sind aufgrund ihrer Wartungsarmut bei muskelgetriebenen Allroundern verbreitet. Ein steifer Rahmen und ein Gepäckträger, der auch zehn Kilo wackelfrei transportiert, steigern die Vielseitigkeit. Bei Alltags-Pedelecs sind Akkugröße und Motorleistung zweitrangig, doch ein zum Laden gut entnehmbarer Akku ist sehr praktisch - gerade, wenn das Rad draußen parkt. Bei Alltagsrädern mit und ohne Motor steigt man häufig auf und ab. Bei Pedelecs kann ein Waverahmen angenehm sein, doch bei Fahrrädern mit normalen Rohrdimensionen (ohne Akkufach) ist diese Konstruktion oft zu wenig seitensteif.

Ein besonderer Ansatz für City-Pedelecs ohne größere Lasten sind leichte, minimalistische Räder mit kleinem Akku, limitiertem Übersetzungsbereich und reduzierter Motorpower. Manche davon wiegen unter 15 Kilo.

  Citybike Ampler CurtFoto: Daniel Simon
Citybike Ampler Curt

2. Last und Kompakt

Unkonventionelle Räder mit besonderer Transportkapazität, kleinen Laufrädern oder Faltmechanik tauchen in der Verkaufsstatistik der Zweiradindustrie eher in Fußnoten auf. Lediglich die Lastenräder sind mit drei Prozent der Stückzahlen aktuell sehr sichtbar geworden. Lastenräder können mehr als die üblichen Zuladungen transportieren. Die Zuladungsobergrenze ergibt sich aus dem "zulässigen Gesamtgewicht" aus Fahrer, Fahrrad und Last, das bei üblichen Radkonstruktionen meistens nur 130 Kilo beträgt (bei Sporträdern sind es manchmal nur 110 Kilo). Ein 90-Kilo-Mensch auf einem 25-Kilo-Pedelec sollte deshalb eigentlich nicht einmal die 25 Kilo Beladung mitnehmen, die sein Gepäckträger verkraftet. Ein Lastenrad muss mehr zulassen.

Zur erhöhten Nutzlast kommen bei Lastenrädern eine verbesserte Schwerpunktverteilung bei Beladung, etwa dichter am Boden, eine praktische Belademöglichkeit in einem Korb oder auf einem großen Träger, und fast immer ein stabiler Zweibeinständer. Mehr als zwei Drittel der zuletzt verkauften Lastenräder hatten einen Motor. Das bewährt sich auf jeden Fall beim Anfahren in der Stadt, selbst, wenn die Gegend flach sein sollte. Lastenräder gibt es in zahlreichen Bauformen. Einspurige sind meist sportlicher zu fahren, mehrspurige stehen geparkt sehr stabil und werden oft für den Kindertransport bevorzugt. Allen gemeinsam ist eine etwas sperrigere Größe und ein erhöhtes Gewicht. Die Frage nach dem Abstellplatz am oder im Haus sollte also geklärt sein.

Kompakt- und Falträder haben meistens Laufradgrößen von etwa 20 Zoll, ähnlich wie die früheren Klappräder. Durch die kleinen Räder sind solche Bikes und Pedelecs sehr handlich, doch das Fahrverhalten auf holprigen Oberflächen ist deutlich unruhiger als bei normalen Reifengrößen.

  Kompaktes LastenradChike E-CargoFoto: Daniel Simon
Kompaktes LastenradChike E-Cargo

3. Schnell und sportlich

Bei sportlichen Rädern ohne Motor steht oft das Gewicht im Vordergrund. Daneben sind geringer Rollwiderstand der Reifen sowie eine aerodynamisch günstige Sitzposition gefragt, denn zügiges Tempo und lange Strecken aus eigener Kraft verschaffen eine besondere Befriedigung. Bei den Rädern ohne Motor erlebt der Rennlenker eine Renaissance. Gravelbikes und sogenannte Randonneure entstehen oft auf der selben Plattform: Die Rahmen erinnern an Rennräder, haben aber einen längeren Radstand, eine etwas aufrechtere Sitzposition und lassen dickere Reifen durch. Bei Randonneuren sind es mindestens 35 Millimeter Reifenbreite, kombiniert mit Schutzblechen und leichtem Gepäckträger, bei Gravelbikes haben sich 40 bis 45 Millimeter Reifenbreite etabliert. Bei überwiegendem Straßeneinsatz bewähren sich die feinen Gangabstufungen von Zweifach-Kettenblättern mit elf oder zwölf Ritzeln hinten. Je weniger Asphalt das Zielgebiet hat, desto eher reicht ein Kettenblatt.

  Gravel-Randonneur mit VollausstattungFoto: Daniel Simon
Gravel-Randonneur mit Vollausstattung

Fitnessbikes sind noch reduzierter. Hier sind Schutzbleche oder Gepäckträger oft nicht vorgesehen. Nicht Alltagstauglichkeit, sondern Fitness mit Spaß ist das Entwicklungsziel. Vom Rennrad und Gravelbike unterscheiden sie sich vor allem durch den geraden Lenker. Ihre Reifen sind höchsten schwach profiliert, um seidig abzurollen.

  Scott Metrix 10 - ein klassisches FitnessbikeFoto: Hersteller
Scott Metrix 10 - ein klassisches Fitnessbike

Mit Motor definiert sich Sport anders. Hier glänzen eher Pedelecs mit drehmomentstarken Motoren und einer fein abstimmbaren Federung, die Grip und Straßenlage auch auf kitzligen Untergründen verbessert. Sogenannte "Crossover-Fullys" machen deutliche Anleihen beim E-Mountainbike. Auf Gepäckträger sind sie eher nicht ausgelegt. Ihre Federung macht sie etwas schwerer, wartungsintensiver und teurer.

  Conway Xyron C427Foto: Daniel Simon
Conway Xyron C427

4. Tour und Reise

Ein Tourenrad stellt technisch etwas höhere Anforderungen als ein Allrounder. Rahmen und Gabel sollten etwas steifer sein, der Gepäckträger darf auch mit 15 oder 20 Kilo Gepäck nicht schwänzeln – ein Vergleich per Handkraft vermittelt schon im Laden einen ersten Eindruck. An Tourenrädern ist ein weites Übersetzungsverhältnis wichtig. Vom Berggang, in dem man mit weniger als 10 Stundenkilometer bergauf kurbelt, bis zur langen Übersetzung für Abfahrten sollte Alles an Bord sein. Meistens sind Kettenschaltungen mit zwei oder drei Kettenblättern richtig, doch in der oberen Preisliga sind auch 14-Gang-Naben oder Tretlagergetriebe im Angebot. Hier ist dann schnell die Grenze zum spezialiserten Reiserad erreicht. An seiner Gabel findet ein weiterer Gepäckträger für Vorderrad-Packtaschen Platz. Räder für Langstrecken-Reisende sind oft einzeln aufgebaute Edelbikes, denn diese Klientel hat genaue Vorstellungen vom richtigen Sattel, Lenker oder Laufrad. Serien-Tourenbikes sind schon ab etwa 1.500 Euro gut für etliche Kilometer, bei einzeln aufgebauten Reiserädern mit verfeinerter Technik kann man locker einen Tausender aufschlagen.

Die Anforderungen an Touren-Pedelecs sind prinzipiell ähnlich. Solide Bremsen und Gepäckträger, Reifenbreiten über 50 Millimeter und reichlich Gangspreizung sollte auch das E-Bike haben. Wie groß der Akku sein muss, ist auch eine Frage der eigenen Fitness und der Streckenplanung. Unter 625 Wattstunden sind auf jeden Fall eher wenig, wenn die niedrigste Unterstützungsstufe nicht ausreicht. Entsprechend teuer werden die Modelle.

  Tourenbike Gudereit LC 90 Evo, 2.000 EuroFoto: MYBIKE
Tourenbike Gudereit LC 90 Evo, 2.000 Euro
  Reiserad: Koga Word Traveller-SFoto: Daniel Simon
Reiserad: Koga Word Traveller-S
  E-Tourer Radon relate 8.0 CXFoto: Daniel Simon
E-Tourer Radon relate 8.0 CX