Alltagsrad7 aktuelle Gravelbikes im MYBIKE-Test

Jochen Donner

 · 10.11.2022

Viele Randonneure, wie hier das Cube, lassen sich dank ihres Hinterbauständers fast überall gut parken.
Foto: Jan Greune
Die sieben Gravelbikes aus dem MYBIKE-Test

Mit Licht, Schutzblechen und Gepäckträger wird aus einem rassigen Randonneur ein Allrounder für den Alltag. In diesem Artikel lesen Sie Hintergründe zu Commuter-Gravelbikes sowie die Details und Ergebnisse des aktuellen MYBIKE-Tests. Unsere Testredaktion 7 Gravelräder getestet, gefahren, bewertet und eingeordnet.

Moderne Randonneure sind Anpassungskünstler

Es gibt Fahrräder, die passen sich selbst spontanen Wünschen und Anforderungen ihrer Fahrerinnen und Fahrer perfekt an – ohne jedes Zicken, blitzschnell, sensibel und absolut überzeugend. Moderne Randonneure sind solche Anpassungskünstler: Dass es aktuell so viele dieser leichten, sportlich konzipierten „Alltags- und Ganzjahres-Renner“ gibt, hat viel mit dem Boom des Gravelbikes zu tun – eines Radtyps, der seit Pandemiebeginn viele Radler und Radlerinnen mit spaßbetonter Sportlichkeit auf die Straßen, Wege und Trails der Republik gezogen hat. Sich unkompliziert auszupowern, in der direkten Umgebung Neues zu entdecken und dabei weit weg vom stressigen Autoverkehr unterwegs sein zu können hat auch viele junge Menschen zu ambitionierten Radfahrenden gemacht. So ist auch der lässige Auftritt in mehr oder weniger verschwitztem Bike-Outfit in der Öffentlichkeit akzeptierter als je zuvor.

Verlagssonderveröffentlichung

Zunehmende Beliebtheit der Gravelbikes

Sichtbar wird die neue Attraktivität sportlicher Räder mit gebogenen Lenkern auch daran, wie häufig Fahrrad-Motive in der Werbung für völlig themenfremde Produkte wie Armbanduhren oder Bausparversicherungen auftauchen. Wenn zudem immer mehr und immer längere Alltagsstrecken per Pedal zurückgelegt werden, weil das Rad von vielen als das bessere – oder auch nur weniger ansteckungsgefährliche – Nahverkehrsmittel erkannt worden ist, wird klar, wie attraktiv ein schnelles, leises Alltagsrad mit Sportappeal ist. Und wenn es ein Fahrrad gibt, das den praktischen Aspekt perfekt mit Imagegewinn und hohem Freizeitnutzen mischt, ist es der moderne Randonneur auf Gravelbike-Basis.

Sportlicher Charakter gepaart mit hohem Nutzwert

Hohe Vielseitigkeit, gut abgestimmte Technik und agiler Fahrspaß sind in dieser Kombination das Erbmaterial des zahlenmäßig enorm erfolgreichen, sportlichen Gravelbikes. Komplettiert man diese Grundkompetenzen mit alltagstauglichen Zutaten wie wirksamen, dauerhaft montierten Schutzblechen, einer zuverlässigen Dynamo-Lichtanlage und einem schlanken Gepäckträger oder wenigstens Bikepacking-Gewindeösen, dann hat der Randonneur wie ein Chamäleon leichtes Spiel, sich den Bedürfnissen seiner Nutzerschaft direkt und überzeugend anzupassen.

Jochen Donner, Testredakteur: „Nur wenn die Rahmenkonstrukteure die Alltagsradler-Praxis aktiv mitdenken, entsteht ein wirklich überzeugender Randonneur. Wenn sich so sportlicher Charakter mit hohem Nutzwert paart, ergibt das ein ideales Fahrrad.“
Ein schnelles Rad versüßt jeden Weg ins Büro.Foto: Jan Greune
Ein schnelles Rad versüßt jeden Weg ins Büro.

Leicht, flink und allzeit bereit

In unserem siebenköpfigen Testfeld finden sich gleich drei unterschiedliche Rahmenmaterialien: Stahl, Alu und Carbon sind vertreten. Eine simple Rangfolge zwischen den Werkstoffen lässt sich auch in diesem Testfeld nicht aufstellen, denn für die Qualität des Nutzer-Erlebnisses kommt es letztlich immer auf die kompetente, sorgfältige Umsetzung an. Die Stahlrösser von Contoura, Norwid und Tout Terrain sind vergleichsweise schwer. Doch ihr solider Rahmenbau und das langlebige Material können gerade im Alltag sinnvoll sein, wo hohe Belastungen und rauerer Umgang mit dem Material normal sind.

Technisch sind sie weitgehend auf dem Stand der Konstruktion, den auch die Alu- und Carbonrahmen vorgeben: So hat das Contoura zugunsten der besseren Anlegung eines dicken, steifen Unterrohres ein konisches Steuerrohr, dazu kommen an allen Stahlrädern die heute üblichen Steckachsen-Ausfallenden sowie Aufnahmen für Flatmount-Scheibenbremsen. Dieser Montagestandard stammt ursprünglich vom Rennrad und hat über den Umweg vom Gravelbike seinen Platz an den Randonneuren im Test gefunden. Im Flatmount-Standard werden die Bremszangen sehr flach direkt auf Gabelholm und Kettenstrebe geschraubt. Diese elegante Montage verweist die Hersteller auf entsprechende Antriebsgruppen – im Testfeld stammen sie allesamt von Shimano, mit deutlichem Übergewicht bei der Gravel-Gruppe GRX in ihren unterschiedlichen Qualitätsstufen. Die Bremsscheiben sind dadurch aber meist auf 160, in Ausnahmefällen auf 180 Millimeter Durchmesser am Vorderrad begrenzt. Für Radlerinnen und Radler unter 100 Kilo Gewicht ist das akzeptabel, bei deutlich schwereren Fuhren wären die großen Scheiben anderer Bremssys­teme sinnvoll.

Schaltung und Vorbau der getesteten Commuter

An Schaltungen kommen durchgehend 2x11-Systeme zum Einsatz, die durch sensible Bedienbarkeit, exakte Funktion und – bei entsprechendem Pflegeaufwand – relativ hohe Lebensdauer überzeugen. Ihre Übersetzungen sind so ausgelegt, dass sich auch längere Steigungen mit leichtem Gepäck kraftsparend bewältigen lassen (siehe unten). Sehr erfreulich sind die geringen Bedienkräfte, die schnellen und präzisen Gangwechsel, aber auch die fast perfekte Ergonomie, die die Schaltbremshebel auszeichnet. Angesichts der engen Toleranzen aktueller Elf- und auch Zwölffach-Gruppen kann es allerdings nötig sein, zugunsten der Ruhe im Getriebe gelegentlich die Zuglängen nachzujustieren.

Contouras Gepäckträger sitzt weit hinten. Deshalb wankt er schon bei relativ niedrigen Lasten. Man spürt es beim Lenken.
Foto: MYBIKE
Details der sieben Gravelbikes

Lenker mit Komfort

Alle Lenker gefallen durch angenehm zu greifende, abgeflachte Zonen oben, ergonomisch günstige Kurven im Unterlenker und eine nur geringe seitliche Ausstellung der Lenkerenden, was eine schmale Silhouette mit besserer Aerodynamik ergibt und ungehindertes Passieren von Engstellen im Stadtverkehr erleichtert. Vorbaulängen und Lenkerbreiten fallen gemäßigt aus, doch die verbleibenden ergonomischen Unterschiede machen ausführliche Sitzproben empfehlenswert.

Zubehör für den Alltag - Licht und Schutzbleche

Anlass zu Freude liefert auch die hohe Qualität der Lichtanlagen und Schutzbleche, die die schnellen Tourenbikes auch bei Nässe oder Dunkelheit zuverlässig benutzbar machen. Die meisten Bleche sind aus Metall, klapperfrei montiert und lang genug für guten Spritzschutz. Als Beleuchtung kommen durchweg LED-Frontleuchten mit hoher oder sehr hoher Lichtausbeute und intensiv leuchtende, auch seitlich sichtbare Rückleuchten zum Einsatz. Bei Cube und Stevens fehlt sogar der Ein-/Aus-Schalter – kein Problem an so schnellen Bikes, denn oft schafft die frühestmögliche Sichtbarkeit im Verkehr ein entscheidendes Sicherheitspolster.

Was oft fehlt ist ein Hinterbauständer

Bedauert haben wir die mangelnde Praxisnähe der Hersteller, die bei der Entwicklung ihres Gravel-Randonneurs auf die Montagemöglichkeit für einen Hinterbauständer verzichten. Nur mit einer Parkstütze lässt sich ein Alltags-Bike unkompliziert abstellen und kratzerfrei ansperren. Der Ständer fehlt auch, wenn man Gepäck auflädt oder ein beladenes Rad parken muss. Am Bergamont ist keine Ständermontage möglich, was zu Punktabzug führte.

Viele Randonneure, wie hier das Cube, lassen sich dank ihres Hinterbauständers fast überall gut parken.Foto: Jan Greune
Viele Randonneure, wie hier das Cube, lassen sich dank ihres Hinterbauständers fast überall gut parken.

Ein Blick in die Zukunft der Alltags-Graveller

Doch die rasanten, praktischen und sympathischen Vielseitigkeits-Künstler mit gebogenem Lenker legen gerade erst so richtig los. Die Vielzahl der Modelle wächst parallel zum Erfolg der „nackten“ Gravelbikes, die Spreizung der Preislagen ebenfalls. Damit dürfte auch die Spezialisierung zunehmen – hin zu noch mehr dieser flinken, sportlichen Alltags- und Freizeitflitzer.

Testfazit der sieben Gravelbikes

Übersicht der bewerteten Kriterien und Noten.Foto: MYBIKE
Übersicht der bewerteten Kriterien und Noten.

Randonneure sind vorwiegend für schnelle Fahrt auf asphal­tierten Straßen und festen Wegen ausgelegt. Konstruktion und Bereifung sind daher deutlich straff abgestimmt, was sich in Komfort-Noten von „nur“ 2,5 bis 3 niederschlägt. Dafür liegt die Qualität bei Fahrsicherheit und Antrieb durchgehend auf sehr hohem Niveau. In der Praxis trüben vereinzelt fehlende Parkstützen, Träger oder zittrige Schutzbleche die Bewertung. Die Unterschiede der Service-Noten liegen in unterschiedlichen Garantie-Bedingungen begründet.

Die Räder im Test - hier gelangen Sie zu den Einzeltests


Wie viele Gänge braucht der Randonneur?

2x11-Kettenschaltungen wie Shimanos GRX dominieren die Sparte der Gravelbikes und Randonneure. Doch der Antrieb hat seine Eigenheiten.

Eine Kettenschaltung ist leicht und effizient. Sie bietet eine große Übersetzungs-Bandbreite bei günstiger Gangabstufung. Daher ist sie für sportliche Radler und Radlerinnen besonders attraktiv. Eingeführt wurde sie 1946 vom Erfinder Tullio Campagnolo, seitdem wird sie stetig weiterentwickelt und verfeinert. Aktuell setzen die meisten Radhersteller an sportlichen Rädern mit Rennlenker, bei denen es auf Gewicht, feine Gangabstufung und großen Übersetzungsumfang ankommt, auf eine 2x11-Schaltung: Zwei Kettenblätter an der Kurbel versorgen elf Ritzel am Hinterrad. Je nach Kettenblatt- und Ritzelgröße entstehen im Testfeld Bandbreiten von bis zu 479 % (GRX, 48/31 zu 11-34 Zähne). Das bietet bei einem Radumfang von rund 2,18 Metern (Reifengröße 40-622) eine Entfaltung zwischen 1,92 und 9,12 Metern pro Kurbel­umdrehung. Damit lassen sich auch längere Steigungen und Gefälle mit (leichtem) Gepäck auf festem Untergrund gut bewältigen. Bergab tritt man lange mit, und in der Ebene ist Speed garantiert.

Mit den 22 Gängen der Shimano GRX erklimmen Sportliche fast jede Straßensteigung.Foto: MYBIKE
Mit den 22 Gängen der Shimano GRX erklimmen Sportliche fast jede Straßensteigung.

Doch je mehr Ritzel im begrenzten Bauraum am Hinterrad zum Paket zusammengefasst werden, desto früher neigt die schräg laufende Kette dazu, am Käfig des Umwerfers vorn oder am nächstgrößeren Nachbarritzel hinten zu schleifen. Selbst, wenn die Schaltung penibel schleiffrei eingestellt wurde, führen minimale Setzbewegungen der Schaltzüge, geringfügiger Verschleiß und Verschmutzung sowie leicht verbogene Schaltwerksaufnahmen schnell zu einer nervigen Geräusch­kulisse. Befinden sich Feintrimmer in den Zughüllen in Lenkernähe oder am Zuganschlag am Unterrohr, kann man während der Fahrt durch minimales Nachjustieren der Zuglänge ein Schleifen leicht abstellen. Ohne Feintrimmer muss man absteigen und direkt an Schaltwerk oder Umwerfer hantieren, um endlich in verdienter Ruhe weitersausen zu können.

 Stellschrauben im Schaltzug schaffen sofortige Abhilfe, wenn mal die Kette schleift.Foto: MYBIKE
Stellschrauben im Schaltzug schaffen sofortige Abhilfe, wenn mal die Kette schleift.