Report: E-Scooter Scuddy Premium Sport

Fahrbericht E-Scooter Scuddy

Der Scuddy, ein Elektro-Scooter zum Zusammenfalten. Ergebnis der Präsentation von Firmengründer Tim Ascheberg und Jörn Jacoby bei der Gründershow „Die Höhle der ­Löwen“ im TV-Sender VOX. Und das mit einem überraschenden Deal, der auch uns neugierig machte.

Andreas Bähren am 10.04.2017
Report: E-Scooter Scuddy Premium Sport
Thomas Straub

Auffallend: Staunende Blicke und neugierige Fragen sind garantiert.

Der Scuddy ist kein Fahrrad und auch kein klassischer E-Scooter – und will das auch gar nicht sein. Im Gegenteil: Die Konstrukteure setzen auf eine Marktnische, und das effektiv. Um ihr Produkt weiter nach vorne zu bringen, bewarben sich die beiden Marketing-Profis erfolgreich für einen Auftritt in der Gründershow "Die Höhle der Löwen" und schlugen den Juroren einen spektakulären wie überraschenden Deal vor: zehn Prozent Firmenanteile für gerade einmal einen Euro. Der Hintergrund: Den Jungunternehmern ging es gar nicht ums große Investitionskapital, wie sonst in dieser Karriere-Show ­üblich, sondern um Kontakte. Sie waren interessiert an neuen Vertriebswegen und -möglichkeiten durch Ralf Dümmel, den Chef eines großen Handels- und Vertriebsunternehmens, und an der großen Öffentlichkeitswirkung, die der Event-Guru Jochen Schweizer für sie zu bieten ­hatten. Und die Rechnung ging auf: Sowohl Ralf Dümmel als auch Jochen Schweizer ließen sich am Ende mit etwas veränderten Konditionen auf den Deal ein.

Bereits wenige Monate nach der Sendung konstatiert denn auch Tim Ascheberg, einer der CEOs bei Scuddy: "Besonders was den Vertrieb anbelangt, haben wir mit der Unterstützung von Ralf Dümmel einen Riesensprung nach vorne gemacht. Nun können wir unsere Produkte über ganz neue Kanäle anbieten, sei es in großen Supermarktketten, Verkaufsshows in TV-Sendern oder im Online-­Vertrieb. Aber das, gepaart mit der Öffentlichkeit, die wir durch Jochen Schweizer erreichen, ist noch nicht alles: ­Unterstützung hatten wir auch bei der Entwicklung eines Light-Modells, das zwar nicht die Leistungsfähigkeit ­unserer Premium-Produkte hat und auch keine Straßenzulassung, dafür aber ungleich preiswerter auf den Markt kam und sich sehr erfolgreich verkauft."

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Einkaufsbummel: Umweltfreundlich, platzsparend – und spaßig

Professionell und erfindungsreich

Seine Wurzeln hat der Erfolg des E-Gefährts natürlich in den beiden Machern Jörn Jacobi und Tim Ascheberg selbst. Sie haben gemeinsam die Schulbank gedrückt, einen ­Ingenieurstudiengang absolviert, und dann auch noch ­zusammen ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Marketing draufgesattelt – eine perfekte Grundlage für ihr Geschäftsmodell. Denn sie erkannten bereits vor rund neun Jahren, dass es auf dem Markt für leichte elektrische Gefährte ­hierzulande noch relativ traurig aussah. Ihre Kernidee war ein kleines, flexibles, leichtes Gefährt mit Motor, das man im öffentlichen Nahverkehr mitnehmen kann; damit war die Geschäftsidee der beiden geboren. Mit ihrer BWL-Abschlussarbeit legten sie konsequent das Fundament für ihre Unternehmensgründung: "Märkte im Umfeld der Elektromobilität – Erfolgspotenziale für Unternehmensgründungen". Dass sie ihr Geschäft verstehen, zeigt sich nicht nur am Scuddy selbst und an der Tatsache, dass sie bereits 2014 die Gewinnzone erreichten, sondern auch ­daran, wie sie ihren Roller vermarkten: Sie verzichten bewusst auf teure Werbung und setzen auf intensive Medienarbeit. Schon früh wurden sie bekannt durch ihre Präsenz in reichweitenstarken Fernsehsendungen, wie "Schlag den Raab". Oder auch durch etwas verrückte PR-Aktionen wie eine Alpen­überquerung mit ihren Elektro-Scootern (siehe Interview, Seite 96). Der Erfolg, den sie jetzt haben, und die Unterstützung, die sie seit ihrem Auftritt in der "Höhle der Löwen" bekommen, haben sie wohl dieser professionellen und erfindungsreichen Entwicklungsarbeit zu verdanken. Insgesamt ein schönes Beispiel, wie auch kleine Start-ups in der Mobilitätsbranche erfolgreich sein können.

Der Scuddy im Test

Doch genug der Theorie. Wie sieht das Ding, aus, wie funktioniert es, wie fährt es sich? "Saubere Ingenieurs­leistung", geht mir durch den Kopf, als ich den Scuddy, Modell Premium Sport, das erste Mal genau betrachte. Scuddy ist eine begriffliche Kreuzung aus "Scooter" und "­Buddy", auf deutsch so viel wie Kumpel. Eines schon mal vorab: Der Scuddy macht einen Riesenspaß. Allerdings hat er mit einem Pedelec oder Fahrrad nichts gemein, und ­seine Fahreigenschaften sind gewöhnungsbedürftig.

Also erst einmal die gut gemachten Erklär-Videos auf der Firmenwebsite anschauen. Denn vor allem den
Weg zum eigentlichen Clou des Scuddy – dass man ihn mit wenigen Handgriffen fast auf Getränkekastengröße falten kann – muss man sich erst einmal erschließen. Hier erkennt man vor allem zweierlei: Der Roller ist ein kleines Konstruktionswunder. Jedes Teil ist bis ins Kleinste durchdacht, um jeden Millimeter Platz zum Falten auszunutzen. Allerdings hat das bei einzelnen Teilen seine Tücken. Sprich: Am Anfang sollte man vorsichtig rangehen, damit man sich nicht irgendwo unbedacht die Finger klemmt.

Fotostrecke: Fahrbericht E-Scooter Scuddy

Großer Spaß mit kleinen Macken

Einmal aufgebaut, kann’s losgehen. Aber auch mit dem Fahren sollte man gemach starten – schon, weil der giftgrüne Flitzer mit 1.500 Watt ordentlich Dampf hat. Wir haben uns auf dem Parkplatz vor der Redaktion langsam herangetastet: Erst mal den Motor per codiertem Chip starten. Dann haben wir die Wahl: Man kann den Roller im Sitzen fahren (das ist in der Straßenverkehrsordnung so vorgesehen, damit er eine Straßenzulassung bekommt), oder wie einen klassischen Roller im Stehen. Letzteres macht deutlich mehr Spaß, man erlebt das ungewöhnliche Fahrgefühl viel intensiver: Durch die freischwingende ­Vorderachse, die die zwei Laufräder verbindet, lässt sich der Scuddy ähnlich wie ein Kickboard lenken, nur mit ­einer stärker ausgeprägten Seitenneigung. So wird einem bei höheren Geschwindigkeiten zumute, als würde man auf Skiern carven oder surfen. Gebremst wird der Roller durch eine Motorbremse, die bis zu zehn Prozent der Akku­kapazität wiedergewinnen kann (genannt Rekuperation) oder durch zwei Scheibenbremsen an den Vorderrädern.

Nach einigen Runden auf dem Parkplatz geht es in den Alltagstest. Und das bedeutet: rauf auf die Straße, denn Radwege sind verboten. Das hat der Scuddy nämlich mit S-Pedelecs ebenso gemeinsam wie die Versicherungs-, Helm- und Führerscheinpflicht sowie einen Rückspiegel. Womit sich auch der größte Nachteil offenbart: Alles, was ich mit einem normalen Pedelec darf, darf ich mit dem E-Roller nicht: Neben Radwegen sind Forst- und Waldwege ebenso tabu wie Querungen von Parks oder schnelle ­Verbindungen ohne Autoverkehr. Und da ich mit "nur" 35 km/h unterwegs bin, startet schon bald das Autogehupe hinter mir. Manche Autofahrer haben nun mal sehr wenig Verständnis dafür, dass sie durch ­etwas langsamere Vehikel aufgehalten werden.

Freie Fahrt in Bus und Bahn

Ich sehe also zu, dass ich möglichst schnell von der Hauptverkehrsstraße runter komme und starte den nächsten Teil des Praxistests: Busfahren. Ein Riesenvorteil des Rollers gegenüber herkömmlichen Fahrrädern oder Pedelecs: Man darf ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit – zusammen­geklappt zu einem Trolley – in Bus, Straßenbahn, U-Bahn oder Zug mitnehmen. Das ist ein starkes Argument für den Scuddy – vor allem für Pendler, die relativ kurze Strecken mit einem individuellen Gefährt überbrücken wollen. ­Relativ kurz ist dabei allerdings wörtlich zu nehmen: Der Scooter hat eine Akkureichweite von rund 30 Kilometern. Längere Pendelfahrten, die mit einem Pedelec problemlos möglich sind, schafft der quirlige Zwerg nicht. Aber das soll sich ändern: Bald kommt der Scuddy mit einem Akku, der 70 Kilometer schafft.

Nischenprodukt mit Potenzial

Es stellt sich also die Frage: Für welche Zielgruppen kann so ein E-Scooter attraktiv sein? Die Antwort der Anbieter: "Für alle, die die sogenannte last mile, also eine relativ kurze Strecke zu einem Zielort, mit einem individuellen Gefährt überbrücken wollen." Zusätzlich Menschen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, Camper oder Bootsbesitzer – und natürlich die, die mit so einem wirklich innovativen Roller einfach nur Spaß haben wollen und bereit sind, den derzeit noch üppigen Preis von 4.850 Euro auf den Ladentisch zu legen. Ein Wermutstropfen: Trotz der Möglichkeit, den Scuddy kompakt zusammenzufalten, wiegt er üppige 28 Kilogramm. Das kann anstrengend ­werden, wie ich beim Schleppen in die Wohnung erfahren habe – und das nur in den 1. Stock.

Report: E-Scooter Scuddy Premium Sport

Sonnenbad am Gardasee: Auf einen Cappuccino mit dem Roller über die Alpen.


TECHNISCHE DATEN

Scuddy Premium Sport

Höchstgeschwindigkeit   35 km/h
Reichweite (Herstellerangabe)   30 km
Antrieb   1.500 Watt
Unterstützungsstufen   flach, bergauf
Akku   Lithium-Eisenphosphat
Akkuladezeit    7h (optional mit Schnellladegerät: 2h, Aufpreis 200 Euro)
Größe gefaltet    58 x 51 x 41 cm
Gewicht    28 kg
Preis    4.850 Euro (weitere Modelle ab 999 Euro)
Info   www.scuddy.de


Der komplette Artikel stand in E-BIKE Ausgabe 1/2017. Sie können die Ausgabe in der MYBIKE-App (iTunes  und Google Play) laden oder im DK-Shop  bestellen. 

 

Andreas Bähren am 10.04.2017

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