Elektro-Kleinfahrzeuge für kurze Strecken in der City

Was darf man mit kleinen E-Mobilen im Straßenverkehr?

Elektromotorisierte Roller, Skate- und Hoverboards, Einräder oder Segways: Das Angebot an E-Mobilen für kurze Wege – die „letzte Meile“ – wächst ­rasant. Aber mit welchen Fahrzeugen darf man überhaupt im öffentlichen Verkehr unterwegs sein? Und was ist bei der E-Mikro-Mobilität zu beachten?

Uwe Geißler am 30.05.2017
Elektro-Kleinfahrzeuge für kurze Strecken in der City
fotolia

Hoverboard

Der Funke sprang bei einer Reise nach China über. Die beiden Automobilkaufleute Danilo Behrend und Marcel Hutfilz entdeckten vor fünf Jahren in Hongkong einen Elektro-Scooter und brachten ihn nach Berlin. "Dort sind wir alle 200 Meter angesprochen worden, wo man denn so ein cooles Gefährt kaufen kann?", erzählt ­Behrend. "Wir nahmen Kontakt zu verschiedenen Herstellern auf und verkauften E-Roller zuerst über einen Online-Shop." Als das Konzept aufging, kündigten Behrend und Hutfilz ihre Jobs bei BMW und Mercedes und eröffneten im April 2015 den Laden "Scooterhelden Berlin" für kompakte Elektromobile. Hier gibt es batteriegetriebene Fahrgeräte vom einfachen Roller über Skateboards, Hoverboards, Ein- und Doppelräder bis hin zu Scuddys. Behrend: "Wir haben derzeit rund 60 verschiedene Fahrzeuge im Programm."

Das Geschäft läuft gut. Einziges Problem: Nur etwa die Hälfte der Fahrzeuge hat für Deutschland eine Straßenzulassung. "In Frankreich, Österreich und vielen an­deren Ländern gelten wesentlich moderatere Zulassungsbestimmungen für moderne E-Mobile", klagt Behrend. "Selbstverständlich weisen wir unsere Kunden auf die ­Gesetzgebung in Deutschland hin. Viele Nutzer sind aber begeistert, dass es kompakte Fahrzeuge mit zehn bis zwölf Kilo Gewicht gibt, mit denen sie bequem kurze Strecken zurücklegen können und die sie mit in die S-Bahn nehmen dürfen."

Deutschland hinkt hinterher

Auch Andreas Hammer, Geschäftsführer der Hammer ­International GmbH in Ammerbuch bei Stuttgart, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit kompakten E-Mobilen. Er ist Importeur verschiedener Marken, hat einen E-Mobil-Laden mit Fachwerkstatt und einen Online-Shop. Er klagt: "In Deutschland braucht man für rein motorgetriebene Fahrzeuge, die schneller als 6 km/h fahren, eine Versicherung und einen Führerschein. Das ist ein Witz. Alle anderen EU-Staaten sind zwei Schritte weiter." Hammer zeigt allerdings, dass es möglich ist, einen falt­baren Elektro-Scooter mit deutscher Straßenzulassung (in der Mofa-­Klasse) zu konstruieren. Das Mobil K1 mit Sattel und 12-Zoll-Rädern wiegt laut Hersteller 18 Kilo, erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h und eine Reichweite bis 35 Kilometer. Es kostet knapp 1.700 Euro. Hammer: "Unser K1 ist viel leichter als die meisten Pedelecs, man kann es in den Kofferraum legen und die letzten ­Kilometer sauber und geräuschlos fahren."

Elektro-Kleinfahrzeuge für kurze Strecken in der City

K1 Hammer

Mit und ohne Lenker

Einen Meilenstein für die E-Mobilität hat die amerikanische Firma Segway 2001 gesetzt. Das Zweirad, bei dem man in Fahrtrichtung zwischen den nebeneinander angeord­neten Rädern steht und sich an einer Lenkstange festhält, ist durch elektronische Sensoren und einen ausgeklügelten ­Regelkreis selbstbalancierend. Die großen und teuren ­Ge­räte werden vielfach für geführte Stadtrundfahrten und Ausflugstouren eingesetzt. Seit 2006 kann man Segways in Deutschland auch auf "öffentlichem Verkehrsgrund" ­ein­setzen. Dazu wurden die bis zu 20 km/h schnellen Fahrzeuge eigens in die "Verordnung über die Teilnahme elektronischer Mobilitätshilfen am Verkehr" aufgenommen. Die Segways benötigen im Stadtverkehr ein gültiges Versicherungskennzeichen samt Haftpflichtversicherung. Der Nutzer muss 15 Jahre oder älter sein und braucht  – ab Jahrgang 1965 – mindestens einen Mofa-Führerschein.

2015 wurde Segway von der chinesischen Firma Ninebot übernommen. Importeur für Segway und Ninebot für Deutschland und Österreich ist die KSR-Group in Krems an der Donau. Stephan Schmatz aus der Marketing-Abteilung erzählt: "Die patentierte Segway-Technik setzen wir auch bei unserem E-Mobil Ninebot Mini ein. Während ein Segway rund 50 Kilo wiegt und circa 8.500 Euro kostet, gibt es den Ninebot Mini Street mit Straßenzulassung jetzt für knapp 800 Euro." Das Fahrzeug wiegt nur etwa 15 Kilo und fährt bis zu 16 km/h schnell.

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Segway

Während die Segways und das Ninebot Mini mit Straßenzulassung eine Lenkstange haben, gibt es heute ­immer mehr "Fahrzeuge", auf denen man freihändig balanciert. Sie nutzen eine ähnliche Technik wie die Segways mit integrierter elektronischer Balance-, Lenk-, Antriebs- und Verzögerungstechnik. Bekannteste Vertreter sind die sogenannten Hoverboards, die so heißen wie das schwebende Skateboard aus dem Film "Zurück in die Zukunft II". Die blinkenden Bretter mit Rollen kann man schon für wenige Hundert Euro im Internet bestellen. Allerdings gab es ­immer wieder Berichte, dass die Boards in Brand geraten oder sogar explodieren können, weil die Lithium-Ionen-Akkus bei zu großer Belastung überhitzen. In den USA wurden deshalb 2016 mehr als eine halbe Million Hoverboards aus chinesischer Fertigung zurückgerufen. Andreas Hammer: "Leider gibt es unter den Zulieferern schwarze Schafe, die Produkte mit minderwertiger Qualität anbieten. Man sollte auf Zertifizierungen achten und lieber etwas mehr Geld ausgeben."

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Ninebot Mini Street

Eine besonders spannende Produktgruppe sind elektrisch angetriebene Einräder, wie sie zum Beispiel von Ninebot oder Inmotion angeboten werden. Der Fahrer steht auf zwei Fußrasten. Wie beim Segway beschleunigt, lenkt und bremst man lediglich durch Gewichtsverlagerung. Danilo Behrend von den Scooterhelden Berlin ist ein großer Fan dieser Einräder. "Natürlich ist das ein Nischenprodukt. Man muss schon drei bis fünf Stunden üben, bis man sicher fahren kann", sagt er, "aber dann macht es großen Spaß. Kein ­anderes Gerät ist so kompakt und praktisch wie ein Elektro-Einrad." Je nach Ausführung und Reichweite gibt es ­Modelle ab 400 Euro bis über 2.000 Euro. Behrend: "Unser ältester Einradkunde ist 83 Jahre alt."

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Immotion Einrad

Es tut sich was

Doch Vorsicht: Eine Straßenzulassung gibt es für elektrische Einräder – genau wie für Hoverboards, E-Skateboards und E-Roller ohne Sattel – derzeit nicht. Beim Einsatz der Fahrzeuge im Straßenverkehr drohen empfindliche Strafen und der Verlust des Haftpflicht-Versicherungsschutzes. Die Scooterhelden Berlin haben allerdings eine Initiative "Legal unterwegs mit elektrischen Einrädern" gegründet. Hier gibt es Tipps zur rechtlichen Situation, Hinweise auf eine spezielle Versicherung und ein Forum (www.lumee.org). 

Eine Anfrage von E-BIKE Anfang April beim Bundes­ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zeigt, dass der Gesetzgeber verstanden hat, nachbessern zu müssen. Zukünftig soll eine "nationale Regelung die Zulassung für neue Kategorien elektrisch betriebener Kleinstfahr­zeuge nachhaltig regeln", heißt es.

Es tut sich also was in Sachen E-Mobilität. Mit­ ­gutem Beispiel voran geht München: Im April 2016 wurde ein ­Förderprogramm gestartet, seit Anfang 2017 können Münchner Privatleute oder Firmen einen Zuschuss für den Kauf eines Pedelecs oder anderen zwei- oder dreirädrigen Elektroleichtfahrzeugs (mit Straßen­zulassung) beantragen. Wichtig: Man muss den Antrag vor dem Kauf stellen und das Fahrzeug drei Jahre be­halten (www.muenchen.de). So bekommt die E-Mobilität Rückenwind. 

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Scuddy - Fahrbericht auf www.mybike-magazin.de

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Walkcar Cacoa Motors

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E-Go 2 Skateboard


Der komplette Artikel stand in E-BIKE Ausgabe 2/2017. Sie können die Ausgabe in der MYBIKE-App (iTunes  und Google Play) laden oder im DK-Shop  bestellen. 

Uwe Geißler am 30.05.2017

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