7 Fragen an Dr. Eckart von Hirschhausen 7 Fragen an Dr. Eckart von Hirschhausen 7 Fragen an Dr. Eckart von Hirschhausen

Fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2021

7 Fragen an Dr. Eckart von Hirschhausen

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„Wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg!“ – Welche Vorteile bewusstes Mobilitätsverhalten für den Menschen, die Gesundheit und das Klima hat.

Dr. Eckart von Hirschhausen, bekannt als Arzt, Komiker, Autor und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, ist im Rahmen der Preisverleihung des Deutschen Fahrradpreises zur Fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2021 ausgezeichnet worden. Im Interview erzählt er von seiner Leidenschaft zum Radfahren und darüber, welche Vorteile ein bewusstes Mobilitätsverhalten für den Menschen, die Gesundheit und das Klima hat.

1. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen, damit Deutschland ein „Fahrradland“ wird?

Ein praktisches Vorbild sind die skandinavischen Länder, die mehr Steuern einnehmen, dafür viel in Gesundheit und Bildung investieren – und vor allem in Fahrradwege. Die Einwohner sind viel glücklicher als hierzulande, wo wir mit der Pendlerpauschale belohnen, dass Millionen jeden Tag lange Auto fahren und im Stau stehen, was jeden Tag aufs Neue stresst.

Und wir brauchen mehr Diensträder als Dienstautos! Menschen wollen lieber die Abgase von Radfahrern als die von Autos einatmen. Als Arzt vermisse ich bei der ganzen Diskussion die Tatsache, dass Umwelt und Mensch davon profitieren, wenn die gesunde Entscheidung, aus eigener Kraft voranzukommen, die leichtere Entscheidung wird. Lasst uns statt fossiler Energie im Tank doch lieber die Fettpölsterchen von der Hüfte verbrennen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg!

2. Ist das Fahrrad für Sie ein verkehrs- & umweltpolitisches Statement?

Na klar. Für mein neues Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ habe ich eine Menge recherchiert. Zum Beispiel, wie viel mehr andere Länder in ihre Radwege investieren, und wie gut das allen tut. Je mehr ich mich mit den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise beschäftige, desto politischer werde ich. Mobilität ist eben nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern eine gesellschaftliche.

Es ist falsch, alle persönliche Kraft auf die Vermeidung von Plastiktüten zu legen, wenn in Deutschland Flüge weiterhin billiger sind als Bahnfahrten. Und wenn Milliarden Subventionen in der Landwirtschaft und in der Energieerzeugung genau die falsche Richtung befeuern. Jeder von uns hat nicht nur einen ökologischen Fußbadruck, sondern auch einen „Handabdruck“, also die Möglichkeit durch politisches Handeln aktiv zu lernen. Wir müssen uns also mit Hand und Fuß wehren, aufrecht auf zwei Beinen und zwei Rädern!

dtv Am 18.05.2021 erscheint Hirschhausens Buch "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben". Es geht um die großen Themen unserer Zeit in überraschenden Zusammenhängen: Klima, Killerviren und Koalas...

3. Hat sich die Bedeutung des Radverkehrs während der Corona-Pandemie verändert?

Im ersten Lockdown haben viele Menschen wiederentdeckt, wie schön, sicher und geräumig Städte sein können – ohne Autos. Momentan gibt es einen gefährlichen Trend, statt mit dem ÖPNV aus Angst vor der Ansteckung wieder mehr Auto zu fahren. Das ist fatal. Wenn wir eins in Corona-Zeiten lernen können, dann ist es doch das: Wenn Politik auf Virologen hören und schnell reagieren kann, dann doch bitte auch auf Klimawissenschaftler! Die Verkehrswende ist ein entscheidender Baustein für die letzte Chance auf einen lebenswerten Planeten. Deshalb heißt meine Stiftung ja auch: „Gesunde Erde – Gesunde Menschen!“ ( www.stiftung-gegm.de )

4. Wo liegt das größte Frustrationspotenzial für Radfahrende?

Fahrradfahren in der Stadt ist leider immer noch gefährlich. Und dass man Dreckluft atmet, zu der man nichts beigetragen hat. Wenn man sich auskennt, kann man auf Nebenstraßen und Schleichwegen auch durchkommen, aber Spaß macht es erst „jwd“ – janz weit draußen. Ich habe neuerdings ein „Gravelbike“, was also sowohl auf der Straße sehr gut rollt als aber auch auf holprigen Waldwegen noch dabei ist. Wenn ich unterwegs bin, mache ich oft Schnappschüsse mit meinem Handy und werde mit lustigen Schildern und Momenten belohnt. Neulich war ich in „Lachen“ und am Ortsende war das ja durchgestrichen und ich dachte: „Ach – hier ist also Schluss mit lustig!“

5. Können Sie uns einen Ra(d)tschlag geben, wie man Nicht-Fahrradfahrende zum Radfahren animieren kann?

Radfahren bedeutet nicht nur Mobilität, sondern ist eine Möglichkeit, sich im Alltag zu bewegen – und das täte uns allen gut! Sitzen ist das neue Rauchen. Wir bewegen uns einfach viel zu wenig. In meinem aktuellen Bühnenprogramm „Endlich!“ habe ich Studien zitiert, die klar besagen: Zehn Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützt als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse – erwachsen werden und Kind bleiben.

„Sport“ klingt für viele schon unerreichbar. Dabei reicht es schon, sich im Alltag zu bewegen: Radfahren, Treppe statt Fahrstuhl oder jede Stunde mal fünf Minuten vor die Tür zu gehen – am besten auch ohne Zigarette. Längere Telefonate führe ich inzwischen im Gehen. Einmal um den Block. Da kommt man schnell auf die 3.000 Extra-Schritte und 15 Minuten Bewegung am Stück, die einen bereits vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Deshalb heißen die Dinger ja auch „Mobil“-Telefone! Aber bitte – donʼt call and bike! Ich habe mir einmal an einer Bahnschranke böse den Arm gebrochen, weil ich mich für multitaskingfähig hielt – großer Irrtum!

6. Wie empfinden Sie das Miteinander auf der Straße? Auto vs. Fahrrad?

Leider oft als Gegen- und nicht als Miteinander. Und auch wenn viele das anders sehen – Autofahrer gehören nicht per se einer überlegenen Spezies an. Aber ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich habe nichts gegen Autos, nicht mal etwas gegen SUVs. Vielmehr habe ich für die sogar vollstes Verständnis: Wer auf sehr unwegsamem Gelände wohnt, im Sumpf, in den Bergen oder tief im Wald, der muss bitte auch einen SUV kaufen dürfen. Das kann ich verstehen, wenn man da zwei Tonnen Stahl und die PS von einem Traktor braucht, um voranzukommen. Aber wenn man dann auf öffentlichen Straßen fährt, sollten die genauso schnell fahren dürfen wie ein Traktor. Mit 25 km/h Höchstgeschwindigkeit erledigt sich das Problem dieser übermotorisierten Schüsseln von allein.

7. Haben Sie einen Fahrradwitz für uns?

Ein Junge fährt gemächlich mit seinem Fahrrad vor einer Straßenbahn her. Der Fahrer hupt und hupt, nichts passiert. Er macht das Fenster runter und brüllt: „Mensch, Junge, kannst du denn nicht woanders fahren?“ Darauf der Junge: „Ich schon, aber du nicht!“

Der Ur-Witz der Menschheit ist die Geschichte von David gegen Goliath. Der mächtige Riese Goliath wird von dem körperlich unterlegenen David niedergestreckt mit seiner Schleuder. Geist gewinnt gegen Gewalt. Der ungehorsame Junge muss den Tramfahrer gar nicht in die Schranken weisen, da ist er schon. Wir sympathisieren mit dem Schwächeren, der sich etwas einfallen lässt. Und deshalb mag ich auch die „Critical Mass“ – und erst recht die „Kidical Mass“-Demos – kein Witz!

Die „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit“ ist seit 2003 Bestandteil des bundesweiten Wettbewerbs, einer Initiative des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V.

Themen: Deutscher FahrradpreisFahrradfahrenFahrradfreundlichste PersönlichkeitInterviewKlimaschutznachhaltigRadfahren


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