Freiheit für Migrantinnen Freiheit für Migrantinnen Freiheit für Migrantinnen

Interview mit Bike Bridge-Gründerin Shahrzad Mohammadi

Freiheit für Migrantinnen

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Mit ihrem Verein hat die Sportwissenschaftlerin schon mehr als 300 Frauen das Fahrradfahren beigebracht. Das Projekt hat Potenzial auf Ausweitung.

Frau Mohammadi, wie kamen Sie auf die Idee, Bike Bridge zu gründen?

Im Sommer 2015 war ich zu Besuch in einem Flüchtlingswohnheim. Dort spielten Männer Fußball. Die Frauen verbrachten ihre Zeit meist drinnen. Sie erzählten mir, dass es für sie kein Freizeitangebot gibt. So kam ich auf die Bike Bridge -Idee: Geflüchteten Frauen das Fahrradfahren beibringen!

Warum gerade Fahrradkurse?

Viele geflüchtete Frauen hatten in ihren Heimatländern keine Chance, Fahrradfahren zu lernen. Hier in Freiburg fahren fast alle Leute Fahrrad. Das ist auch eine große Motivation für unsere Kursteilnehmerinnen. Viele sagen uns, dass Fahrradfahren für sie Freiheit bedeutet, weil sie damit überall hinkommen. Sie können sich auf zwei Rädern selbstständig und autonom fortbewegen. Unsere Fahrradkurse bauen außerdem Brücken zwischen Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte und Menschen aus der lokalen Bevölkerung.

Wie läuft so ein Fahrradkurs ab?

Die Kurse finden zweimal wöchentlich statt und dauern insgesamt zwei Monate. Die Frauen unserer „Bike & Belong“-Kurse üben zunächst mit ehrenamtlichen Trainerinnen auf einem großen Platz. Sie lernen, sich auf dem Fahrrad zu halten und zu lenken. Wir bieten außerdem Reparaturworkshops, Kochevents und Fahrradtouren in die Umgebung an.

Was war Ihr bisher größter Erfolg in Ihrem beruflichen Leben?

Dass unsere „Bike & Belong“-Fahrradkurse inzwischen nicht nur in Freiburg, sondern auch in anderen Städten stattfinden. In Stuttgart zum Beispiel. In Frankfurt und Paris haben wir Pilotkurse durchgeführt. Dank der Förderungen der Aktion-Mensch-Stiftung und von JobRad kann Bike Bridge in den kommenden drei Jahren in weiteren zehn Städten in Deutschland Fahrradkurse anbieten.

Wie kann man Bike Bridge unterstützen?

Jede helfende Hand ist willkommen: Frauen können als Trainerinnen oder Kinderbetreuerinnen bei einem unserer „Bike & Belong“-Kurse mitmachen. Man kann sich auch als Schrauber oder Schrauberin in unseren Reparaturworkshops engagieren. Wir freuen uns außerdem über Geld- und Sachspenden wie etwa gebrauchte Damenräder, Helme und anderes Fahrradzubehör.

Wann haben Sie Fahrradfahren gelernt?

Ich bin im Iran aufgewachsen. Ich hatte Glück und habe mit fünf Jahren Fahrradfahren gelernt. Das war aber ungewöhnlich damals. In meiner Heimatstadt Maschhad hat mich als Jugendliche einmal ein Mann beim Radfahren angehalten und gesagt: „Du bist doch kein Junge, du darfst nicht Rad fahren.“ Ich habe ihm geantwortet: „Ich mache, was ich für richtig halte.“ Allerdings dürfte ich heute im Iran offiziell nicht mehr Fahrradfahren: Denn Ali Chamenei, Staatsoberhaupt des Iran, hat im Jahr 2017 Frauen das Fahrradfahren in der Öffentlichkeit verboten.

Welche Rolle spielt das Fahrradfahren heute in Ihrem Leben?

Eine sehr große Rolle! Bei meiner Arbeit für Bike Bridge dreht sich natürlich alles ums Fahrrad, weil wir geflüchtete Frauen und Migrantinnen in den Sattel bringen. Das Fahrrad ist aber auch mein Alltagsverkehrsmittel und mein Sportgerät. Ich fahre gerne hobbymäßig Rennrad. Eine meiner Lieblingsstrecken führt von Freiburg hinauf nach St. Peter. Für mich bedeutet Fahrradfahren auch Freiheit.

Was würden Sie tun, wenn Sie Deutschlands erste Fahrradministerin wären?

Ich würde überall eine sehr gute Fahrradinfrastruktur schaffen. Eine Autospur müsste zugunsten von einer Spur für Räder weichen, um die Vorgaben des Klimaziels zu erreichen. Und ich würde das Fahrradfahren fördern, um eine Gleichberechtigung von Auto und Fahrrad auf unseren Straßen herzustellen.

Textquelle: JobRad


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