Interview Bikepackerin

"Bikepacking ist für mich die absolute Freiheit"

  • Anja Reiter

Katrin Iglhaut, 33 Jahre, durchkreuzte mit ihrem Rad schon Jordanien, Kirgisistan und Peru. Im Interview erzählt sie, warum die größten Bikepacking-Abenteuer manchmal auch vor der Haustür lauern.

MYBIKE: Tourenradfahren – das kennen die meisten. Was ist der große Unterschied zum neuen Trend Bikepacking?

Katrin Iglhaut: Anders als Tourenradfahrer sind Bikepacker sehr minimalistisch unterwegs. Wir nehmen so wenig wie möglich mit, beschränken unser Gepäck auf das Allernötigste. Dann fahren wir drauflos, aber nicht auf markierten Radwegen, sondern lieber auf unentdeckten Pfaden. Für mich verbindet Bikepacking die sportliche Anstrengung mit dem Naturerlebnis. Morgens noch nicht zu wissen, wo man abends ankommt – das fasziniert mich unglaublich.

Bikepackerin Katrin Iglhaut

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Ihr erster Bikepacking-Trip hat Sie 2013 nach Norwegen geführt. Welchen Anfängerfehler würden Sie heute nicht mehr machen?

Damals bin ich mit einem ganz normalen Trekkingrad gefahren – und mit 25 Kilogramm Gepäck! Da habe ich schnell gemerkt: Die vierte Wechselhose hätte ich nicht unbedingt gebraucht (lacht). Man kommt einfach langsamer voran, wenn man zu viel Gewicht mitschleppt. Bei einer Tour habe ich mal eine komplette Tasche zu Hause vergessen – und siehe da: Ich habe nichts vermisst!

Was ist die Grundausstattung eines Bikepackers?

Das hängt von der Art der Tour ab. Wir schlafen meistens im Zelt, da brauchen wir eine leichte Campingausrüstung, eine Luftmatratze mit kleinem Packmaß, einen Schlafsack. Alles möglichst leicht und kompakt. Wechselklamotten zum Radfahren habe ich nicht viele dabei. Wenn wir länger unterwegs sind, wasche ich die Radtrikots einfach zwischendurch. Nur eines ist mir wichtig: die heiligen Zeltklamotten! Ich möchte immer ein trockenes und warmes Sortiment an Klamotten parat haben, das ich tagsüber nicht anrühre.

Rund um den Bikepacking-Trend ist mittlerweile ein eigener Markt entstanden. Lohnt es sich, in teure Ausstattung zu investieren?

Ich nutze das, was ich bereits habe – und setze auf das Zwiebelprinzip. Wenn man den ganzen Tag draußen ist, verändern sich die Temperaturen schnell, da ist der Zwiebel- Look am praktischsten. Wenn man ein bisschen Geld in die Hand nehmen möchte, lohnt sich aber die Investition in gute Bikepacking-Taschen – und in ein Navigationsgerät. Anfangs haben wir mit dem Smartphone navigiert, das Navi erleichtert vieles.

Und welches Rad hat sich für Sie bewährt?

Für Asphalt und Schotterwege ist ein Trekkingrad perfekt. Weil wir aber auch auf kleinen Trails unterwegs sind, habe ich das Trekkingrad bald gegen ein Alu-Mountainbike mit einer Federgabel eingetauscht. Mittlerweile bin ich mit einem Stahlrad und 29er-Laufrädern unterwegs, das läuft sehr gut und ist robust. Auch ein Gravelbike ist eine gute Wahl, weil es so vielseitig einsetzbar ist.

Neben der Ausstattung ist auch die Begleitung wichtig. Sie waren bereits mit einer guten Freundin, Ihrem Mann und Ihrem Bruder unterwegs. Was zeichnet eine gute Bikepacking-Begleitung aus?

Kompromissbereitschaft! Ob das Fahrtempo, die Anzahl der Pausen oder der grundsätzliche Tagesablauf: Oftmals muss man davon abrücken, wie man es alleine handhaben würde. Meist ergibt sich auch eine gewisse Aufgabenteilung: Einer ist vielleicht eher für Navigation und technische Wartung der Fahrräder zuständig, der andere für den Proviant.

Ihre Trips haben Sie unter anderem nach Italien, Mazedonien, Wales, Kirgisistan oder Peru geführt. Welche Regionen eignen sich für ein Bikepacking-Abenteuer?

Fast jedes Land ist geeignet, auch in Deutschland bin ich immer wieder fasziniert, wie schön und vielfältig es hier ist! Ansonsten ist das Hauptaugenmerk bei der Auswahl unseres Ziels, dass es noch etwas zu entdecken gibt. Im vergangenen Sommer waren wir in Nordmazedonien, einer Region, über die wir kaum etwas wussten. Das ist für mich schon mal per se reizvoll. Bei unserer Reise sind wir dann auf traumhafte Natur gestoßen – und auf eine unglaubliche Gastfreundschaft. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Die größten Glücksgefühle habe ich aber in der Natur.

Bei Ihren Reisen schlafen Sie meist im Freien. Was sollte man bei der Auswahl des Zeltplatzes beachten?

In jedem Land gelten andere Regeln in Bezug auf das Wildcampen und Biwakieren, hier sollte man sich vorab informieren. Ansonsten können wir aus eigener Erfahrung berichten: Wenn es kalt ist, sollte man nicht in der Nähe von Flüssen zelten, denn dann kann es nachts ganz schön feucht und unangenehm werden. In der Nähe von Seen sind Mücken zu befürchten. Den schlimmsten Campingplatz hatten wir aber in Italien. In einer besiedelten Region hatten wir endlich ein verstecktes Plätzchen gefunden, direkt neben einem verlassenen Gebäude. Nachts stellte sich heraus, dass das Gebäude ein Kraftwerk war. Gegen 19:30 Uhr gingen die Turbinen an. Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan!

Auch ansonsten ist das Schlafen in der Natur oft gew.hnungsbedürftig für Städter. Wie ausgeruht sind Sie nach Wildcamping-Nächten?

Normalerweise habe ich einen guten Schlaf und wache nur selten auf. Bei einer Nacht in der Eifel bin ich aber von Tiergeräuschen geweckt worden. Dann liegt man nachts wach und fragt sich: Welches große Tier lauert vor dem Zelt? In der Nacht nimmt man jedes Knistern als bedrohlich wahr – auch wenn sich am Ende herausstellt, dass es nur ein kleiner Vogel war, der über das Zelt getapst ist. Die größten Abenteuer lauern eben doch oft vor der Haustür.

Ihre Videos sind von einem enormen Optimismus und Humor geprägt – selbst wenn Sie Ihr Rad stundenlang tragen müssen oder wenn es in Strömen regnet. Wie bewahren Sie sich die gute Laune in schwierigen Situationen?

Klar denke ich mir manchmal: Das war ein Dreckstag! Zugleich weiß ich aber auch: Morgen wird es besser. Wenn ich die Herausforderung überstanden habe, werde ich stolz auf mich sein – und kann irgendwann sogar darüber lachen. Am Ende erinnert man sich nämlich immer nur an die Erlebnisse, die besonders schön oder besonders beschissen waren.

Brenzlige Situationen gab es auch bei Ihrer Reise durch Jordanien: Dort wurden Sie von aggressiven Hirtenhunden verfolgt, in manchen Dörfern haben Kinder mit Steinen nach Ihnen geworfen.

In Jordanien habe ich gelernt, dass ich mich vorab besser auf die Kultur hätte vorbereiten müssen. Ich bin etwas naiv mit einer kurzen Hose losgeradelt – das würde ich als Frau in einem solchen Land nie wieder machen. Später habe ich jeden Tag eine lange Hose und auch ein Kopftuch getragen. Für die dortigen Verhältnisse war ich als Frau auf dem Rad ohnehin exotisch genug, da wollte ich nicht noch zusätzlich auffallen.

Besonders abenteuerlich war auch Ihre Reise durch Peru. Dort sind Sie um den Nevado Huascarán gefahren, den höchsten Berg Perus, und hatten oft tagelang keine Möglichkeit, sich mit neuem Proviant zu versorgen. Wie verpflegt man sich bei solchen Reisen?

Wir setzen auf Nahrung mit einer hohen Energiedichte: kompakte Spaghetti statt Penne mit Luftlöchern, Couscous oder auch Nüsse. Der Geschmack steht nicht im Vordergrund, der Proviant muss vor allem satt machen. Problematischer als die feste Nahrung ist oft die Versorgung mit Flüssigkeit. Wir haben fast immer einen Wasserfilter dabei. Oft radeln wir zur Sicherheit trotzdem mit sechs Liter Wasser los. Wenn das Wasser ausgeht, wird nicht nur das Trinken schwierig, sondern auch das Kochen und Zähneputzen.

Wie gut planen Sie Ihre Routen im Vorhinein – und wie viel Freiheit und Flexibilität lassen Sie sich unterwegs?

Bei der groben Routenplanung lassen wir uns von einschlägigen Bikepacking- Internetseiten inspirieren. Am Ende kombinieren wir dann oft verschiedene Wege. Wenn es an das konkrete Planen geht, nutzen wir die App Locus Map, da sind auch die allerkleinsten Wege eingezeichnet. Wenn wir uns trotzdem mal unsicher sind, ob ein Weg mit dem Rad befahrbar ist oder nicht, gucken wir uns Google- Satellitenbilder an. Bei den Distanzen sind wir mittlerweile realistischer: Im Gelände schafft man keine hundert Kilometer am Tag, selbst wenn man sportlich ist. Wir planen lieber mit 30 oder 40 Kilometern. Sind wir längere Zeit fernab von Zivilisation unterwegs, nehmen wir zusätzlich zu unserem Navigationsgerät Papierkarten mit. So können wir uns auch orientieren, wenn kein Strom zum Nachladen des Akkus verfügbar ist.

Insgesamt klingt Bikepacking doch etwas beschwerlich. Wie erholsam ist eine solche Reise mit dem Rad?

Nach meinen Reisen bin ich schon ziemlich platt. Die körperliche Anstrengung und die vielen Eindrücke erschöpfen einen mental wie physisch. Zugleich bin ich mit meinem Kopf ganz weit weg von den Problemen des Alltags. Man konzentriert sich mit allen Sinnen darauf, was im Moment passiert, welchen Weg man einschlagen muss, wo man etwas zu essen herkriegt, wo man heute Abend schlafen wird. Diese Reduktion auf das Wesentliche tut unglaublich gut.

Ist Bikepacking für jeden geeignet?

In jedem Fall! Das Gute am Bikepacking ist: Man kann die Routenplanung unglaublich gut an die eigenen Anforderungen anpassen. Wer technisch nicht so gut ist, muss keine schwierigen Trails fahren. Wer nicht so gern im Zelt übernachtet, kann auf Hotels oder Herbergen ausweichen. Ich selbst bin aktuell schwanger, bald erwarten wir unser erstes Baby. Demnächst werden wir sicher nicht durch Peru oder Kirgisistan radeln. Unsere Leidenschaft wollen wir trotzdem auch an unser Kind weitergeben. Was dann möglich sein wird, wird sich zeigen. Den Fahrradanhänger haben wir schon gekauft!

ZUR PERSON

Katrin Iglhaut (geb. Hollendung) ist Sport- und Mathematiklehrerin an einem Gymnasium in Bergisch Gladbach bei Köln. Seit ihrer Kindheit fährt die 33-Jährige Fahrrad, als Jugendliche war sie im Straßenradsport aktiv. 2013 entdeckte sie auf einer Tour durch Norwegen das Bikepacking für sich. Seither führten sie ihre Selbstversorger-Reisen mit ultraleichtem Gepäck quer durch Europa, aber auch bis nach Jordanien, Kirgisistan oder Peru. Ihre Bikepacking-Abenteuer dokumentiert sie auf ihrem Blog draussendrang.de und in ihrem Youtube-Channel.

Themen: BikepackingMYBIKE 3/2021RadreiseRadreisen


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