Von der Radreise zum ReiseradEin Besuch bei Tout Terrain

Jörg Spaniol

 · 19.11.2022

Aus dem Sattel in den Chefsessel: Nach einer Rad-Expedition in Nepal gründeten Stephanie und Oliver Römer im Jahr 2005 ihre Radmarke Tout Terrain. Klar, dass der Gepäcktransport dabei im Fokus stand.
Foto: Jörg Spaniol

MYBIKE zu Besuch bei Tout Terrain. Eigentlich hatten die Gründer der Marke Tout Terrain so richtig solide Jobs in der Hightech-Industrie. Als sie von einer langen Radreise in Nepal zurück kamen, hatten sie eine Idee im Gepäck: Es ging um Reiseräder - und zwar um richtig solide.

Fakten über Tout Terrain

  • Gründungsjahr: 2005
  • Firmensitz: Gundelfingen (Breisgau)
  • Eigentümer: Stephanie und Oliver Römer
  • Mitarbeitende: 30
  • Betriebsfläche: 2.500 Quadratmeter
  • Jahresproduktion 2021: zirka 2.500 Fahrräder, 3.000 Anhänger

Ankunft und Zukunftspläne

Was ist das für eine Adresse? Tout Terrain ist eine Radmarke, deren Nutzer sich gerne auf der Kruste endloser Salzseen, auf den schneebedeckten Straßen subarktischer Tundra oder in einer besonders staubigen Verästelung der Seidenstraße fotografieren – und sie residiert unmittelbar neben einer Kraftfahrstraße in einem Gewerbegebiet. Die Firmenanschrift lautet in kaum steigerbarer Schlichtheit „Industriestraße 11“. Dreistöckig, weiß mit ein bisschen Orange und ohne Firmenschild. Rollgitter sperren die großen Fenster eines praktisch leeren Ladenraumes im Erdgeschoss. Der Grund für diese vermeintliche Tristesse? Der Laden brummt!

Verlagssonderveröffentlichung

„Ja, da unten soll mal ein Showroom rein, in dem vielleicht auch Testräder oder Muster direkt verkauft werden“, sagt Stephanie Römer. „Aber dafür ist einfach keine Zeit! Wir haben neulich erst massiv unsere Fläche vergrößert, und da hat es absolut Vorrang, dass die Produktion läuft.“ Fast alle Radmarken ringen mit der Gleichzeitigkeit von immens gestiegener Nachfrage, den noch immer reißenden und knarzenden Lieferketten weltweit und erhöhtem Krankenstand durch Corona. Für einen großen Auftritt fehlt da einfach die Energie – und irgendwie würde er auch nicht zu den beiden Gründern passen.

Der Firmensitz des Unternehmens.Foto: Jörg Spaniol
Der Firmensitz des Unternehmens.

Ein Vergleich

Sicher ist es nicht korrekt, Menschen und Fahrräder zu vergleichen. Doch die Beschreibung „zurückhaltend, klar und mit Lachfältchen“ passt zu Stephanie Römer und ihrem Mann Oliver vielleicht genauso gut wie zu ihren Rädern. Klassisch anmutende Stahlräder mit innovativen technischen Details und der Möglichkeit zu farblichen Extravaganzen prägen das Image der Marke. Es ist ein Markt für qualitätsverliebte Individualisten, auf dem sich hierzulande vielleicht eine Handvoll Manufakturen tummeln. Velotraum oder Idworx fallen einem spontan ein. Danach sinken die Stückzahlen, und es geht in Richtung Maßrahmenbau, oder der Innovationsgrad sinkt.

Die Anfänge von Tout Terrain

Die Nische, in der Tout Terrain immerhin 2500 Räder pro Jahr verkauft, entdeckten die Römers nicht in einem Gründerseminar, sondern im Himalaya. Nicht, dass dort eine geheimnisvolle Stimme aus einem Baum ihren Lebensweg umgekrempelt hätte, doch eine lange Radreise nach Nepal und Tibet hatte bei beiden etwas losgerüttelt. Stephanie Römer, studierte Betriebswirtin, und ihr Mann Oliver, ein Wirtschaftsingenieur, hielten nach der Reise kurz die Hand raus und bogen von ihren gut geebneten Karrieren in der IT-Branche auch beruflich ab in die Fahrradwelt. „Wir hatten beide Lust, etwas anderes zu machen“, sagt Stephanie Römer. „Aber einfach so sichere Jobs aufgeben? Und das Fahrrad war ja wirklich schon erfunden...“

Gewagt haben sie es im Jahr 2005 trotzdem – zunächst mit einem Produkt, das ein anderer erfunden hatte: Der Rahmenbauer Florian Wiesmann hatte mit seinem gefederten Einspur-Kinderanhänger „Singletrailer“ einen solchen Treffer gelandet, dass er Herstellung und Vertrieb nicht mehr neben seinem Kerngeschäft bewältigen konnte. Oliver Römer, der während des Studiums schon bei ihm gearbeitet hatte, übernahm den Vertrieb der Singletrailer und kümmerte sich um die Herstellung. Mit jährlich 3000 Stück ist der Anhänger noch heute ein zentrales Produkt der Marke. Und auch die ersten beiden Räder von Tout Terrain tragen Wiesmanns Handschrift.

Ein Rahmen wie ein Statement

Im zweiten Stock der Firmenzentrale, zwischen diversen Büros und der Werkstatt für die Individualaufbauten, stehen die aktuellen Modelle der Marke zur Ansicht. Links neben dem Eingang, in der sehr kurzen Ahnengalerie, hängt ein Rahmen wie ein Statement: Das Modell „Panamericana“ hat nicht nur den markentypisch integrier­ten Gepäckträger, sondern auch eine eigenwillige Hinterbaufederung, die das Gepäck vom Gerüttel der Straße entkoppelt. Mit gefrästen Umlenkhebeln, Kugellagern, Luftfeder, Versteifungs­röhrchen. Ein Reiserad, wie es kaum ein zweites gab, doch seine Laufzeit endete schon vor Jahren. Oliver Römer holt den Rahmen nachdenklich von der Wand und scannt ihn von allen Seiten. „Das könn­ten wir heute gar nicht mehr so bauen. Was für ein Aufwand! Das will keiner mehr bezahlen.“

Das erste voll­gefederte Reiserad von 2006 hängt heute in der Ahnengalerie.Foto: Jörg Spaniol
Das erste voll­gefederte Reiserad von 2006 hängt heute in der Ahnengalerie.

Das vollgefederte Reiserad ist Geschichte. Doch wie individuell auch die aktuellen Modelle sind, deutet sich im düsteren Keller an: Hier hängen etliche Hundert fertige, aber unlackierte Stahlrahmen und -gabeln. Nichts davon ist simple Containerware. Aus Edelstahlrohren angeschweißte Gepäckträger schimmern hell über dem mattgrauen Chromoly-Stahl der Hauptrahmen, das Messinglot zahlreich vorgesehener Gewinde schimmert golden, Rahmendetails wie die Lenkanschläge oder die Ausfallenden sind markentypisch. Nach Versuchen mit Rahmenfertigern in Italien und Tschechien lässt Tout Terrain heute bei mehreren Betrieben in Taiwan schweißen – nach komplett eigenen Vorgaben. Neue Geometrien oder Rahmendetails bekommt das Entwicklerteam rasch in den Praxistest, denn im Tout-Terrain-Gebäude in Gundelfingen werkelt auch ein befreundeter Rahmenbauer.

Innovation vom Hersteller

Besonders auffällig sind der hohe Anteil von Rahmen mit Aufnahme für ein Pinion-Tretlagergetriebe und die teilbaren Ausfall­enden. Trotz der auf den ersten Blick konservativen Rundrohr-Stahlrahmen ist Tout Terrain offen für neue Technik. „Wir waren die Ersten in Deutschland mit Gates-Riemen“, sagt Römer, „und auch bei den ersten Pinion-Rädern überhaupt. Diese Dinge haben sich so bewährt, dass wir uns mittlerweile fragen, ob wir für Extremnutzer wie Langstreckenpendler oder Weltreisende überhaupt noch Kettenschaltungen anbieten wollen.“

Tout Terrain baut die Laufräder selbst. Ein Vorteil: Wenn es in der Lieferkette knirscht, lassen sich knappe Zutaten flexibel ersetzen.Foto: Jörg Spaniol
Tout Terrain baut die Laufräder selbst. Ein Vorteil: Wenn es in der Lieferkette knirscht, lassen sich knappe Zutaten flexibel ersetzen.

Im Markt der Anbauteile haben die Römers unter dem Markennamen „Cinq“ zudem eigene Projekte angeschoben: Mit externen Partnern entstanden Teile wie eine USB-Stromversorgung per Nabendynamo und die einzigen Bremsschaltgriffe für Rennlenker, mit denen sich Pinion-Getriebe schalten lassen. Doch die gewachsene Produktvielfalt bringt die 30-Mensch-Firma auch an Grenzen. Das mittlerweile auf über ein Dutzend Basismodelle gewachsene Portfolio zwingt zu Straffungen, Corona tut das Übrige: Seit drei Jahren ist Tout Terrain, wie fast alle Manufaktur-Marken, teilweise vom Individualaufbau abgekommen. Die hohe Beratungsintensität im Einzelhandel, die zwangsläufig hohen Preise für Einkauf und Lagerhaltung, aber auch die Lieferprobleme haben Tout Terrain veranlasst, die Wahlmöglichkeiten zu verringern. Oliver Römer: „Der Kunde stellt sich ein Wunschrad zusammen und erfährt dann, dass seine gewählte Shimano-Bremse gerade 570 Tage Lieferzeit hat. Das ist doch maximal frustrierend! Wenn ich selbst die Modelle konfiguriere, kann ich auf andere, gleichwer­tige Produkte ausweichen und in vertretbarer Zeit ein Rad ausliefern.“

Keine Schweinehälften

Was auch bei den vorkonfigurierten Modellen bleibt, ist die individuelle Montage. Im Erdgeschoss der Industriestraße 11, direkt hinter der Laderampe, stehen die Montageplätze. Kein Fließband, an dem Rad-Rohbauten wie Schweinehälften durch eine Halle schwingen, sondern Einzel-Arbeitsplätze, umstellt von Stapelboxen mit Teilen. Je ein Mechaniker (Frauen sind gerade nicht zu sehen) baut ein Rad von A bis Z zusammen. Das fördert Verantwortung und Abwechslung. Nur etwa ein Dutzend Kompletträder geht täglich raus – eine Produktionsweise, die deutlich mehr mit einer Werkstatt als mit einer Fabrik zu tun hat. Dass direkt nebenan eine blitzsaubere Pulverbeschichtungsanlage mit Dutzenden Wunschfarben bereitsteht, erweitert die Möglichkeiten, ein wahrhaft individuelles Rad zu schaffen.

Einzelaufbau: Je ein 
Mechaniker baut das komplette Rad. Gibt es Probleme, hilft ein Kollege.Foto: Jörg Spaniol
Einzelaufbau: Je ein Mechaniker baut das komplette Rad. Gibt es Probleme, hilft ein Kollege.


E-Bike-Trend trifft auf Tout Terrain

Doch trotz der soliden Position in der Nische der Räder für Fortgeschrittene entkommt auch Tout Terrain auf Dauer nicht dem durch die Branche tobenden Wandel: Abgesehen von den reinen Sportgeräten und Expeditionsrädern bindet der Pedelec-Trend immer größere Teile der Radler-Budgets und der Entwicklungs-Power. Wer nicht mitmacht, riskiert Relevanz und Umsatz. Für Tout Terrain verbindet sich mit den ersten beiden Pedelec-Modellen nicht nur der Abschied von reiner Bio-Antriebskraft, sondern auch der Schritt weg vom fortschrittlichen Stahl im klassischen Look. Die Pedelecs haben Alu-Rahmen. „Für unsere bisherige Art Fahrräder ist Stahl das beste Material“, erklärt Oliver Römer, „doch bei den neuen E-Bikes ist das technisch schwierig, wenn man aus Designgründen den Akku integrieren will. Für diese voluminösen Formen ist Aluminium einfach besser.“

Doch einfach ein weiteres Alu-Pedelec mit Mittelmotor zu bauen wäre nicht Tout Terrain: Dort, wo andere Räder den Motor haben, sitzt bei Tout Terrain ein Pinion-Getriebe. Und am Hinterrad, wo sonst die Schaltung ist, liefert ein Nabenmotor den Extraschub. So bekommen die Riemenräder des Antriebs nur die Muskelkraft ab, während die Motorkraft direkt und ohne Getriebe das Rad dreht. Um 90 Prozent will Römer so die Verschleißkosten des Antriebs senken, flüsterleise soll die Konstruktion zudem sein. Es ist keine Kon­struktion, deren Design vorbeischlendernde Passanten anbrüllt, doch einmal mehr ein diskreter Weg, dem Mainstream eine eigene Lösung zur Seite zu stellen. Und wenn die beiden Römers damit nicht furchtbar danebenliegen, dürften sie auch in naher Zukunft keine Zeit finden, einen glänzenden Showroom einzurichten und endlich ein großes Firmenlogo an die Industriestraße 11 zu schrauben.