Raus aus der Routine

Jörg Spaniol

 · 22.10.2021

Raus aus der Routine

Das Virus hat auch sein Gutes: Es hat uns gezwungen, das Glück in der Nähe zu suchen – mit wenig Aufwand, toller Ökobilanz und zehn guten Ideen, die auch nach dem Lockdown noch glücklich machen.

Ist es nicht schön, wie lange sich ein Tag dehnt, wenn nur genug passiert? Dass ein erlebnisreicher Urlaub sich schon nach zwei Tagen anfühlt, als sei man bereits eine Woche weg von allem? Eine ereignisarme Routine-Arbeitswoche hinterlässt dagegen nur ein erschrockenes „Huch, schon wieder Donnerstag!“. Aber was macht den Unterschied zwischen bereicherndem Erlebnis und zwanghafter Bespaßung?

Eine allzu effiziente Reihe geplanter Events – erst Schlossbesichtigung, dann Barfußweg, gefolgt vom „Flying Fox“ und abends einem Essen mit Freunden – artet schnell in Stress aus. Als erlebnisreiche Alternative zur Event-Hetze hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff des „Mikroabenteuers“ etabliert. Nicht, dass seine Propheten gänzlich Neues erfunden hätten: Leicht machbare Unternehmungen mit dem Kitzel dosierter Ungewissheit hatten schon immer ihren Reiz. Doch dem modischen Etikett verdanken wir die verdiente Aufmerksamkeit für die Kunst des gezielten Geschehenlassens. Auch wenn für manche unserer Vorschläge das Prädikat „Abenteuer“ arg fett daherkäme: Sie brechen Routinen und packen dadurch mehr Leben in den Tag. Oder die Nacht. Und die meisten davon sind völlig kostenlos.

1. Picknick de Luxe

So wie im Reiseprospekt, nur besser. Echte Gläser und eine Picknickdecke, gutes Essen und tatsächlich ein frisches Hemd am Zielort – ein vornehmes Picknick erfordert viel orbereitung, eine Kühltasche und ausgewählte Begleitung. Der sportliche Aspekt der Radtour ist dabei ausnahmsweise weniger wichtig als die Möglichkeit, die Leckereien per Rad an die schönsten Plätze zu transportieren.

2. Flussaufwärts fahren

– und zwar bis zur Quelle. Gerade in den Mittelgebirgen fließt in jeder größeren Senke ein Fluss, dessen blaue Linie auf der Landkarte irgendwo in unserer näheren Umgebung endet. Manche Quelle ist gefasst und markiert, manche nur eine große Pfütze im Wald. Mit dem Rad fahren, so weit es geht, dann zu Fuß weitersuchen. Es ist keine Schande, den Aufwand vorher mit einer Internetsuche einzugrenzen.

3. Einfach fallen lassen

Draußen schlafen. Wenn nachts ein leichter Wind übers Gesicht streicht und kein Lichtschalter die Dunkelheit verjagt, ist man weit weg vom Alltag. Der Aufwand ist gering: Schlafsack und Liegematte, vielleicht ein Bier und eine Frischhaltebox mit Nudelsalat, dazu ein Liter Wasser für Katzenwäsche und Morgenkaffee. Und der ist ohnehin das Größte, wenn man am Feldrand aufwacht und in die Sonne blinzelt. HINWEIS: Geplantes Campieren ist fast überall illegal. Wir empfehlen eine Anfrage beim Grundbesitzer. Ohnehin gebietet es der Verstand, Schutzgebiete und notorische Instagram- Spots zu meiden, auf Lärm und Lagerfeuer zu verzichten sowie keine Spuren zu hinterlassen.

4. Kräuter sammeln

Im Frühling wächst vieles, das zu einem kulinarischen Abenteuer einlädt: Anfänger peilen einen lichten Laubwald an, um Waldmeister für die Maibowle zu sammeln, Fortgeschrittene wagen sich an Gänseblümchen, Giersch und Gundermann für Salate und Beilagen. Es gibt zwar geführte „Wildkräuterwanderungen“, doch eine Wildkräuter- Radtour ist eine Pioniertat. Rezepte und Infos stehen etwa im „Unkrautgourmet“-Blog oder unter kostbarenatur.net

5. Schatz, wo bist du?

Eine Plastikdose voller Spielfiguren in einer Astgabel, ein wasserdichter Beutel hinter einem Verkehrsschild: Seit etwa 20 Jahren spielen Menschen „Geocaching“. Dabei suchen sie mit einer Mischung aus GPS-Informationen und Beschreibungen Dinge, die andere genau dafür versteckt haben. Das Schwierigkeitsniveau der Suche reicht von Kindergeburtstag bis Extremsport, die Teilnahme ist grundsätzlich kostenlos. Weltweit sollen mehrere Millionen Caches (Verstecke) eingerichtet sein. Grundregeln und Verstecke finden sich im Internet. Die größte Plattform geocaching.com ist etwas kommerzieller, opencaching.de ist eine kleinere Alternative.

6. Ich glaub es piept!

Amsel, Drossel, Fink und Star ... sind für Vogelfreunde doch arg verschwommene Begriffe. War das nun eine Misteldrossel, eine Singdrossel oder eine Wacholderdrossel? Experten erkennen das am Gesang, und dabei hilft eine App wie die Vogelkunde-App vom Naturschutzbund Deutschland (nabu.de). Die Aufgabe für eine Radtour (bis Juli, denn danach werden die Singvögel schweigsam): drei Vogelarten unterwegs am Gesang erkennen. Am Waldrand ist meistens besonders viel los. Wer als Erster drei Arten einwandfrei erkennt, bestimmt die Route des Heimwegs.

7. Licht ins Dunkel

Fast jeder hat eine Lieblingsrunde, die immer geht. Eine sichere Bank für Radspaß, ohne großes Nachdenken und Planen. Seltsamerweise fahren wir sie meistens in derselben Richtung. Das lässt sich ändern – und fühlt sich gleich komplett anders an. Doch der besondere Kick ist es, sie im Dunkeln abzuradeln, nur im Lichtkegel des Fahrradscheinwerfers. In den Sonnenaufgang zu radeln wäre natürlich besonders schön. Aber will man so früh aufstehen?

8. Zwei Geschwindigkeiten

Eine Strecke, zwei Erlebnisse: Unsere Wahrnehmung einer Radtour ist geschwindigkeitsabhängig. Was passiert, wenn ich dieselbe Strecke an einem Tag so schnell wie möglich fahre, am nächsten aber dreimal so viel Zeit mitbringe? Unser unverbindlicher Vorschlag: mit Vollgas anfangen, den Tunnelblick und die stechenden Beine genießen – bevor am nächsten Tag der Geruch feuchter Wiesen und vielleicht ein Fußbad im Fluss das Bild der Tour komplettieren. Was war schöner, und warum? Keine einfache Frage.

9. Zufalls-Routing

Schon vor der Tour und ohne Landkarte die Abbiege-Reihenfolge festlegen, zum Beispiel: rechts – links – rechts – rechts – links ... Bei einem außerörtlichen Startpunkt in gewählter Himmelsrichtung beginnen und die Abbiege-Regel auf jeden nach Augenschein befahrbaren Weg anwenden, etwa bis zur Hälfte der geplanten Ausflugsdauer. Vom dann erreichten Standpunkt mit einer Routing-App wie Komoot wieder zurückfahren – auch deren Routenwahl ist manchmal abenteuerlich genug.

10. Unter anderen

Nach vielen Monaten im Homeoffice, ohne Vereinssport und Kneipenabend ist das Bedürfnis nach anderen Gesichtern und mehr oder weniger unverbindlichen Gesprächen oft groß. Gemeinsames Radfahren gilt unter Corona-Aspekten als eher ungefährlich, und so könnten bald erste Gruppenausfahrten für neue Anregungen und Kontakte sorgen. Viele Ortsgruppen des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC bieten Ausflüge an, die auch Nichtmitgliedern offenstehen. Genauere Infos finden sich im Internet unter touren-termine.adfc.de