Durch die DolomitenTransalp von Sterzing nach Valdobbiadene

Tom Bierl

 · 30.08.2022

Durch die Dolomiten: Transalp von Sterzing nach ValdobbiadeneFoto: Tom Bierl

Eine spektakuläre Tour auf der Sonnenseite der Alpen. Die Dolomiten-Transalp verläuft durch die Berge ausschließlich auf Radwegen oder kleinen, verkehrsarmen Nebenstraßen.

Endlich wurden EU-Steuergelder einmal wirklich sinnvoll investiert. Nach mehrjähriger Bauzeit ist ein einzigartiges Projekt fertig. Auf der einst als kleines Weltwunder gefeierten Trasse der spektakulären Dolomitenbahn, keuchen endgültig keine Dampfrösser mehr. Die Panoramastrecke durch die Welt der weißen Berge ist ab sofort ausschließlich für Radfahrer reserviert und als „Langer Weg der Dolomiten“ bis hinunter nach Belluno ausgeschildert. Von dort folgen Radfahrer dann der erprobten Via Claudia bis nach Venedig. Kaum Verkehr stört dabei den Naturgenuss. Als wir bestens gelaunt Cortina passieren, geht die Fahrt bereits mehr als 20 Kilometer zügig bergab. Doch ein Ende des Vergnügens ist noch nicht in Sicht. Das Tagesziel Pieve di Cadore liegt noch gut 30 Kilometer entfernt und bis dahin ist auch nicht mit einem Anstieg zu rechnen.

Italien entwickelt sich zum Radparadies

Eine Alpenüberquerung, so lernen wir schnell, hat nicht nur ihre schweißtreibenden Seiten. Vor drei Tagen waren wir auf der Sonnenseite der Alpen gestartet. Sterzing ist idealer Ausgangspunkt für diese Tour, denn dort beginnt das Teilstück des „Radwegs der Sonne“, der künftig den Brenner mit Rom verbinden soll. Italien, einst verkehrsreicher Alptraum aller Radtouristen, entwickelt sich Zug um Zug zum wahren Radlerparadies. Der Radweg folgt abseits der Straße dem Verlauf des wilden Eisacks, doch obwohl es stets flussabwärts geht, eigenartiger Weise nicht nur bergab. Aber an Anstiege müssen wir uns ohnehin gewöhnen. Ganz ohne Schweiß können die Dolomiten nicht bezwungen werden. Eng rücken die Berge im Bereich der Sachsenklemme zusammen. Wir rollen stets auf historischem Boden. Auch der Freiheitskämpfer Andreas Hofer war hier zugange und sogar Napoleon schaute vorbei. Auf Höhe der zum Glück ewig sinnlosen Franzensfeste biegen wir dann ins Pustertal hinauf. Auch hier haben die Südtiroler einen Radweg gebaut. Das feine Asphaltband und die grandiose Landschaft lässt uns den stetigen Anstieg bis Bruneck kaum spüren.

Am nächsten Tag geht es sogar noch steiler bergauf. Den Abstecher zum sagenumwobenen Pragser Wildsee lassen wir uns nicht nehmen. Umrahmt von Berggiganten leuchtet das Wasser wie ein grüner Diamant. In Toblach beginnt dann das wahre Abenteuer. Früh brechen wir auf, um die Königsetappe in vollen Zügen genießen zu können, denn die Höhepunkte reißen jetzt nicht mehr ab. Den ersten Cappuccino vor überwältigendem Panorama genießen wir auf der Terrasse des Cafés direkt am Toblacher See. Bald ist das Ufer von Badegästen belagert, doch in der Kühle des Morgens atmen wir noch die Stille der Bergwelt ein. Etwas schwer rollen unsere schmalen Reifen auf dem hier nur geschotterten Bahntrassenweg. Die sanfte Steigung kostet zusätzlich Kraft. „Gleich um die Ecke tauchen jetzt die Drei Zinnen auf“, weiß uns Guide Anke gekonnt zu motivieren. Der Anblick der vielfach fotografierten Postkartenberge raubt auch uns wenig später endgültig den Atem. Beinahe unwirklich schön ist es, in so einer Landschaft mit dem Rad unterwegs zu sein. Doch gleich um die Ecke wartet der nächste Höhepunkt. Der Monte Cristallo schiebt sich wie ein mächtiger Riegel vor das Tal. Es scheint kein bequemes Durchkommen zu geben.

Ohne extreme Steigungen, jedoch mit unvergesslichen Blicken führt der Radweg auf der Trasse der alten Dolomitenbahn durchs Herz der weißen Berge.

Doch die alte Bahnlinie macht das schier Unmögliche möglich. Mächtige Brücken überspannen ein tiefes Tal, Tunnels durchbohren den weißen Fels. Wir gleiten mit unseren Rädern wie durch eine Märchenlandschaft. Schöner kann Radfahren nicht mehr sein. Erst 50 Kilometer später ist die lange Abfahrt für heute zu Ende. „Doch morgen“, so verspricht uns Anke, „geht es am Vormittag weiter überwiegend nur bergab“. Ab Pieve di Cadore wird der Radweg zur überwiegend stillgelegten Straße. Wir fahren durch ausgestorbene Dörfer, an aufgelassenen Tankstellen vorbei und genießen einen schwarzen Espresso in einer original italienischen Bar. Seit die Schnellstraße fertig ist, versinkt hier alles im Dornröschenschlaf. Wir sind dafür mehr als dankbar.

Ein Hauch Venedig

Kurz vor Belluno öffnet sich dann das enge Tal. Wir spüren bereits einen Hauch von Venedig. Die reichen Familien der Seefahrerstadt weilten in den Hügeln zwischen Belluno und Feltre gerne zur sogenannten Sommerfrische. Ihre Wohnsitze aus dem 17. Jahrhundert stehen noch heute als protzige Villen da. Hier könnten selbst Hollywoodstars noch lernen, was wahrer Reichtum ist. Wir dagegen sind froh, dass wir uns nicht auf eigene Faust durch die Hügellandschaft schlagen müssen, denn zu schnell summieren sich die Höhenmeter zu einer respektablen Tagesleistung. Nur wer den Weg kennt, kann die tatsächlichen Mühen vorab kalkulieren. Während Fernradler sich ab hier gerne in die Via Claudia nach Venedig einklicken, steuern wir entgegen der Marschrichtung auf den historischen Ortskern von Feltre zu. Die Stadt allein ist eine Reise wert. Am nächsten Tag kommen wir in den Genuss eines weiteren Radweges entlang der wilden Brenta. Noch vor kurzem war das Nadelöhr für Radfahrer so gut wie unpassierbar. Jetzt führt ein toller Weg direkt ins Herz von Bassano di Grappa hinein. Die pulsierende Stadt ist idealer Schlusspunkt für alle, die die Tour mit der Bahn beenden wollen. Von hier geht es mit der Regionalbahn zurück nach Trento und dann weiter nach Sterzing. Wir hängen allerdings noch einen Tag im geschichtsträchtigen Veneto an und lassen zum Abschluss die Korken in Valdobbiadene knallen. Denn schließlich haben wir etwas zu feiern: Die Alpen liegen hinter uns.

Die schönsten Bilder der Transalp durch die Dolomiten

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Foto: Tom Bierl

Die Route

Imposantes Kernstück ist die Trasse der ehemaligen Dolomitenbahn, die mit hohem Aufwand 2006 zum Radweg umgebaut wurde. So werden extreme Steigungen vermieden. Dieser Abschnitt ist teilweise geschottert. Schwieriger wird die Orientierung im Veneto. Die kleinen, hügeligen Straßen sind jedoch ein Rennrad-Paradies. Die Schwierigkeit der Tour wird durch die Länge der Tagesetappen entschieden.

Sterzing - Franzensfeste (Eisacktal) - Bruneck - Toblach (Pustertal) - Cortina d’Ampezzo - Tai di Cadore (Dolomiten) - Belluno - Feltre (Tal der Brenta) - Bassano di Grappa - Asolo - Valdobbiadene (Veneto).
>> Diese Strecke ist ein Teil der Alpenüberquerung München Venezia

GPX-Track

Sehenswertes

Nicht kulturelle Bauten, sondern einzigartige Landschaften sind die Highlights dieser Transalp. Sie führt von den alten Handelsstädten Südtirols durch die weißen Felsberge der Dolomiten in die venezianisch geprägte Villenlandschaft des Veneto. Abschluss sind die Weinberge des Valdobbiadene, der Heimat des italienischen Proseccos.

Internet-Tipps und Auskunft

Literatur/Karten

Für die gesamte Tour gibt es keine eigene Tourenbeschreibung. Die Route kombiniert Eisacktal-Radweg, Pustertal-Radweg, Dolomiten-Radweg, Via Claudia Augusta (in Gegenrichtung), Brenta-Radweg sowie Rennrad-Routen durch das Veneto.

Beste Orientierung bieten die italienischen Tabacco-Karten oder der jeweiligen Gebiete, oder die Tabacco-App. Empfehlenswert ist auch die Radkarte Südtirol (1:100.000) von Bikeline, 5,90 Euro, http://www.esterbauer.com

Empfehlenswerte Veranstalter

Die Redaktion war mit dem Reiseveranstalter Alps Biketours München unterwegs. Eine geführte Tour mit Gepäcktransport, Halbpension und Übernachtungen in ausgesuchten Hotels mit gehobenem Standard. Rücktransfer im Reisebus. Tagesetappen 42-84 km, 600-1000 hm; einige Etappen können auch abgekürzt werden.

Auch als E-Bike Transalp

Anreise

Über die Brennerautobahn oder mit der Bahn bis Sterzing; Rückfahrt mit der Bahn am besten ab Bassano di Grappa.

Beste Reisezeit

Ende Mai bis Oktober. Unbedingt beachten: In der Woche um den 15. August sind alle Quartiere lange im Voraus ausgebucht.

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