Interview mit Markus KnüfkenIn 95 Tagen um die Ostsee

Sissi Pärsch

 · 11.01.2023

In 95 Tagen um die Ostsee.
Foto: Komoot

Schauspieler Markus Knüfken startete eine über 7000 Kilometer lange Küstentour und sammelte dabei Plastikmüll. Die Story im MYBIKE-Interview.

Markus Knüfken über seine Reise

Markus, woher kommt dein Drang zum Abenteuer?

Seit ich denken kann, steckt der in mir. Ich war schon immer ein Natur- und Tiermensch und begeistert von Unternehmungen, auf denen man mit wenig viel erlebt – die Dinge einfach passieren lassen. Es ist sicherlich der Reiz, ins Unbekannte aufzubrechen. Kaum volljährig, bin ich mit Zelt an der Autobahn gestanden und losgetrampt und um diese Zeit auch mit einem Freund zu Radtouren aufgebrochen.

Dann bist du ein erfahrener Tourenradler?

Null! Diese Wochenendaktionen damals sind immer schiefgegangen. Wir kamen stets wie zwei geprügelte Hunde nach Hause. Mit Anfang zwanzig bin ich noch mal allein über die Alpen gebiked, völlig untrainiert. Ich habe mich von Nüssen ernährt, Durchfall bekommen, habe 13 Kilometer einen Pass hochgeschoben, mir eine Schleimbeutelentzündung zugezogen, ganz schlimm. Bei meinen sonstigen Unternehmungen war ich bisher zu Fuß oder paddelnd unterwegs.

Die Belohnung für die anstrengenden Tage der Tour um die Ostsee folgte abends mit traumhaften Sonnenuntergängen. Foto: Markus Knüfken
Die Belohnung für die anstrengenden Tage der Tour um die Ostsee folgte abends mit traumhaften Sonnenuntergängen.

Und da dachtest du mit 57 Jahren: Ich fahre mit dem E-Cargobike über 7000 Kilometer die Küste entlang?

Ja, genau. Natürlich war das naiv, aber auf der anderen Seite: Was kann passieren? Ich denke gern positiv. Und in das Cargobike habe ich mich in Hamburg verliebt und wollte schauen, ob es auch über das Innerstädtische hinaus funktioniert.

Woher kam die Idee, daraus ein Umweltschutz-Projekt zu machen?

Ich bin seit jeher ein umweltbewusster Mensch, aber die junge Generation hat mir vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich auch zu engagieren. Ich will in Europa nicht mehr mit dem Flieger reisen und dennoch viel sehen und maximal viel entdecken. Das Rad ist für die Mobilitätswende wichtig und als Reiseform perfekt. Dann habe ich mir überlegt: Was stört mich selbst? Und das ist der Müll – an den schönsten, entlegensten Plätzen. So kam ich auf One Earth – One Ocean, die als „maritime Müllabfuhr“ Gewässer von Müll befreien. Insgesamt habe ich auf meiner Reise 129 Kilo Plastikmüll an den Stränden von Nord- und Ostsee eingesammelt.

Insgesamt sammelte Markus Knüfken 129 Kilo Plastikmüll.Foto: Markus Knüfken
Insgesamt sammelte Markus Knüfken 129 Kilo Plastikmüll.

Meist bist du 100 Kilometer am Tag gefahren. Kamst du mit dem Akku aus?

Wenn alle Parameter passen – flaches Land, kein Gegenwind, die Temperatur über 15 °C, dann kommst du über 100 Kilometer. Das war natürlich nicht immer der Fall. In Norwegen hatte ich Tage mit 1500 Höhenmetern, schwierigem Untergrund, Regen und Kälte. Da geht es dann nicht so weit, und du lässt die Unterstützung so oft wie möglich weg.

Hast du viel von Land und Leuten mitbekommen?

Ja, absolut. Mir ging es nicht um den Sport, sondern um das Erlebnis. Ich habe jeden Tag gezeltet, und es war trotz Wetter und Müdigkeit einfach herrlich. Die Nähe zur Natur, diese unglaublichen Landschaften, die Begegnungen mit wunderbaren Menschen – und das jeden Tag.

Hattest du Pannen?

Sagen wir so: Ich hatte rademotional einige Tiefschläge. Von Anfang an hatte ich ein Speichenproblem, das sich mehr und mehr steigerte. Wildfremde Menschen haben mir mit wahnsinnigem Einsatz geholfen – telefoniert und transportiert, gebohrt, geschraubt, geschweißt. Auch sonst waren die Begegnungen ausschließlich positiv. Auf so einer Tour lernt man, wie toll wir Menschen doch sind: Offen, nett und aufopfernd – egal wo, egal wer. Das gibt ausreichend Energie für viele weitere Kilometer. Auch für die letzten 1500 Kilometer, die ich dann ohne Motor bestreiten musste …

Hat dich die Tour verändert?

Am Schluss war ich um gute zehn Kilogramm leichter und um unzählige Erlebnisse und Gespräche reicher.

Nach den langen Tagesetappen wurde jeden Abend das Zelt aufgeschlagen. Foto: Markus Knüfken
Nach den langen Tagesetappen wurde jeden Abend das Zelt aufgeschlagen.


Das Projekt

Schauspieler Markus Knüfken (Bang Boom Bang, Tatort, SOKO) ist schon seit Jahrzehnten auf Abenteuer-Touren unterwegs. Im April 2022 startete er auf die 95- tägige „Big Biking Cleanup“-Tour, die ihn auf 7236 Kilometer entlang der Nordsee- und Ostseeküste führte. Dabei sammelte er Müll und Spenden für die deutsche Organisation One Earth – One Ocean e.V. Ziel der Umweltorganisation ist es, Gewässer weltweit von Plastikmüll zu befreien. Zu diesem Zweck sind verschiedene Schiffstypen im Einsatz, die den Müll aus dem Meer sammeln und weiterverarbeiten.

Das Gefährt

Knüfken bestritt die Strecke mit dem Kàro von Velo Lab, einem Lastenrad, das komplett in Bremen handgefertigt wird. Mit dem NeoDrive Z 20 mit 624-Wh-Akku stammt auch der Heckmotor aus Deutschland. Bei perfekten Bedingungen liegt die Reichweite bei über 100 Kilometern. Das Gewicht des Rads belief sich auf etwa 32 Kilogramm, mit Gepäck kam Markus Knüfken anfangs auf 80 Kilogramm. Nach der Hälfte schickte er 12 Kilogramm nach Hause zurück und schließlich nochmals 20 Kilogramm. „Ich hatte einfach zu viel von allem dabei.“