Sitzenbleiben oder nicht? Der Sattel als wichtigester Fixpunkt

Jörg Spaniol

 · 29.10.2021

Sitzenbleiben oder nicht? Der Sattel als wichtigester FixpunktFoto: Georg Grieshaber

So viel Auswahl war nie: Doch bei allen Sätteln entscheiden vier Kriterien maßgeblich über den Sitzkomfort und darüber, ob ich auch bei den letzten 15 Kilometern noch sitzenbleibe. Ein Blick auf die neuesten Ideen der Hersteller.

Schon seltsam: Interessiert man sich auf den einschlägigen Kleinanzeigenseiten im Netz für Fahrradsättel, ploppen zahllose Privatverkäufe mit Anmerkungen wie „nur einmal montiert“ oder „neu“ auf. Und schaut man bei Bike-Enthusiasten ins Kellerregal, findet sich da nicht selten eine Sattelgruft. Ausgemusterte Sitzgelegenhei­ten, liebevoll durchgescheuert und für alle Fälle trotzdem aufgehoben oder frustriert nach einer Probefahrt ins Eck gepfeffert. Neuwertige Reifen oder Lenker sind deutlich seltener zu bekommen – der Sattel ist eben ein ganz besonderes Fahrradteil.

Dass ab Werk auch auf einem Komplett-Rad der gehobenen Preisklasse selten ein Top-Sattel montiert ist, kann man dem Hersteller nur begrenzt vorwerfen: Bei Sattelpreisen bis zu mehreren Hundert Euro würde das Rad damit unnötig teuer. Und gerade bei den edleren Gefährten mit ihren tendenziell erfahreneren Käufern ist die Chance groß, dass der Sattel sofort dem bewährten Lieblingsmodell weichen muss. Aber auch das hat diesen Titel nicht für alle Zeiten sicher. In den vergangenen Jahren hat schon die Entwicklung der Bikes dazu geführt, dass ein 10 oder gar 20 Jahre bewährtes Sattelmodell nicht mehr State of the Art sein muss.

Kaufberatung für Ihren perfekten Sattel

1. Sattelbreite

Die Erkenntnis, dass der Sattel zum Abstand der Sitzbein­höcker passen muss, hat sich endlich durchgesetzt. Die Sitzbeinhöcker sind der Bereich des Beckenknochens, auf dem der Sattel das Körpergewicht abstützt. Ihr Abstand voneinander variiert von Mensch zu Mensch; meist zwischen 10 und 14 Zentimetern. Firmen wie SQlab, Specialized und Ergon haben vor Jahren damit begonnen, ihn für Händler und Verbraucher messbar zu machen und in die Produktpalette einzubeziehen. Gemessen wird der Abdruck der Sitzbeinhöcker bei senkrechtem Rücken. Man kann es auch selbst messen: ein Stück Wellpappe mit der gewellten Seite nach oben auf eine harte Fläche legen, sich draufsetzen und für klarere Abdrücke die Beine etwas anziehen. Der Abstand Mitte – Mitte zählt.

  Do it yourself: mittels Wellpappe den Abstand der Sitzbeinhöcker  ermitteln und dann den passend breiten Sattel wählen.Foto: Matthias Borchers
Do it yourself: mittels Wellpappe den Abstand der Sitzbeinhöcker ermitteln und dann den passend breiten Sattel wählen.

2. Polsterhärte

Am schnellen Ende des Spektrums geht es hart zu: Manche Radrennfahrer verzichten komplett auf Schaumstoff und sitzen auf purer Carbonfaser. Die frontlastigere Gewichtsverteilung und der hohe Gegendruck der pumpenden Beine machen es möglich. Dazu kommt die in Tausenden Trainingskilometern erarbeitete Gewöhnung an den Druck auf den Sitzhöckern.

  Die Fahrradgattung und der Trainingsstand bestimmen, wie hart die Polsterung sein darf.Foto: Angel King
Die Fahrradgattung und der Trainingsstand bestimmen, wie hart die Polsterung sein darf.

3. Konturen

Löcher, Kerben, Mulden: Spezielle Sattel-Shapes sollen den Komfort steigern. Nicht alles davon hilft jedem – oder jeder.

Alle Jahre wieder: Mit Beginn der Radsaison und der Urlaubszeit warnen vor allem Tageszeitungen vor den drohenden Potenzproblemen durchs Radfahren. Diese turnusmäßige Verdammung des Fahrradsattels hat mittlerweile etwas nachgelassen – vielleicht hat das Entlastungsloch in den Satteldecken vieler Hersteller dazu beigetragen, dass das Sommerloch in der Nachrichtenlage sich zunehmend mit anderen Themen füllt.

Lochsättel kamen schon vor etwa 20 Jahren in Mode. Weil Sättel für sportliche Radlerinnen und Radler bis dahin fast durchweg extrem schmale, aufwärts gewölbte Formen hatten, konnten sie zwangsläufig nur wenigen wirklich passen. Alle anderen litten schweigend. Die Idee, bei ansonsten gleicher Sattelform einfach den Bereich wegzuschneiden, der Druck zwischen den Beinen verursacht, war aber nur ein erster Schritt hin zu vielfältigeren, ergonomisch sinnvolleren Sattel-Designs...

  Große Entlastungsöffnungen sind spektakulär, aber nicht immer hilfreich.Foto: Georg Grieshaber
Große Entlastungsöffnungen sind spektakulär, aber nicht immer hilfreich.

4. Obermaterial

Zu griffiges Material behindert beim Treten und legt das Hosenbein in potenziell scheuernde Falten, rutschiges Lycra auf Vollcarbon kann kraftraubende Kämpfe um die Sitzposition verursachen. Irgendwo dazwischen liegt meistens die persönliche Wahrheit. Echtleder-Bezüge sind mittlerweile eher rar, gegenüber Kunstleder haben sie keine wirklich spürbaren Vorteile: Abriebfest ist auch Kunstleder, die Griffigkeit der Oberfläche lässt sich in der Herstellung genau festlegen, und Atmungsaktivität ist am Sattel kein großes Thema.

  Das Erste, was bei einer Satteloberfläche auffällt, ist ihre Haptik.Foto: Daniel Simon
Das Erste, was bei einer Satteloberfläche auffällt, ist ihre Haptik.

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